Ein blauer Fleck

Ein blauer Fleck

Jede vierte Frau wird in ihrem Leben ein- oder mehrmals Opfer von Gewalt. Die Täter stammen überwiegend aus dem familiären Umfeld. Meist ist es der eigene Ehemann oder Lebensgefährte, der Frau und Kinder schubst, schlägt, tritt und würgt und ihnen leichte bis schwere Verletzungen zufügt.

Untersuchungen zeigen, dass rund 90 Prozent der betroffenen Frauen Verletzungen an Kopf, Kiefer, Nacken und Gesicht erleiden. Suchen sie ärztliche Hilfe, ist oftmals der Zahnarzt eine Adresse.

Bluterguss in allen Schichten

Häusliche Gewalt kommt in allen sozialen Schichten und in allen Altersklassen vor. Wer Gewalt gegen Familienangehörige ausübt, tut dies in der Regel nicht nur einmal. Meist steigern sich die Gewaltsausbrüche über Jahre hinweg. Die häufigsten Opfer sind Frauen.

Zahnarztpraxis statt Polizei

Oft werden Zahnarztpraxen nach einem Gewaltausbruch in den eigenen vier Wänden schnell aufgesucht. Der Grund: Häufige Verletzungen an Kiefer und Gesicht. Insbesondere Zähne, Haut und Lippen sind betroffen. Zähne können abgebrochen oder ausgeschlagen sein.

Charakteristisch sind Verletzungen wie

  • Zahntraumata wie Zahnrisse, -brüche und -absplitterungen,
  • Riss des Oberlippenbändchens,
  • Verletzungen der Oberlippe,
  • Kieferfrakturen.

Wenn sich diese Verletzungen, aber auch blaue Flecken, also Blutergüsse, nicht mit der Krankengeschichte der Patientin oder des Patienten vereinbaren lassen, sollte der Zahnarzt aufmerksam werden. Dazu gehört auch, wenn Patientinnen über einen Unfall als Ursache sprechen, der nicht zu den Verletzungen passt.

Er hat dann eine entscheidende und sensible Rolle beim Erkennen häuslicher Gewalt.

Weitere Schritte

  • Gibt es Hinweise auf Gewalteinwirkungen, sollte der Patient behutsam darauf angesprochen werden.
  • Fragen sollten dennoch klar und eindeutig formuliert sein.
  • In einer vertrauensvollen Beratung kann vermittelt werden, dass es Unterstützungsangebote gibt.

Dokumentationsbogen zahnärztliche Organisationen

In den vergangenen Jahren haben mehrere zahnärztliche Organisationen einen Dokumentationsbogen entwickelt, welcher die Verletzungen künftig detailliert dokumentiert. Natürlich sind Zahnärzte bei der Dokumentation von Verletzungen auch aufgefordert, auf Opfer von häuslicher Gewalt zu achten. „Der gut ausgefüllte Dokumentationsbogen ist von hoher Bedeutung für die betroffenen Patienten“, erklärt Prof. Dr. Oesterreich von der Initiative proDente. Entscheidet sich das Opfer, den Täter anzuzeigen, wird die Dokumentation in der Gerichtsverhandlung herangezogen, um nachzuweisen, was geschehen ist. „Die Dokumentation hilft den  Betroffenen, ihre Rechtsansprüche durchzusetzen und die erfahrene Gewalt zu beweisen“, weiß Prof. Oesterreich.

Tabu häusliche Gewalt

Viele betroffene Frauen wenden sich aus Hilflosigkeit und Scham nicht an zuständige Stellen und Hilfsorganisationen. Meist wissen nicht einmal die engsten Freunde und Familienangehörige von ihrer Not. Die Opfer sehen sich aus emotionaler und teilweise auch finanzieller Abhängigkeit heraus nicht in der Lage, den Täter anzuzeigen. Auch Angst vor einer neuen Gewaltorgie oder Repressalien spielt eine große Rolle.

Ärztliche Schweigepflicht

Grundsätzlich gilt auch in Zahnarztpraxen die ärztlicher Schweigepflicht. Die Sorgen der Patientin sind dort sicher aufgehoben. Gelingt es, die Patientin behutsam zum Sprechen zu bringen und sie von der Wichtigkeit der genauen Dokumentation der Verletzung zu überzeugen, haben Zahnärzte schon einen wichtigen ersten Schritt bei der möglichen Aufarbeitung der Tat geleistet. Oftmals sind die Betroffenen erleichtert, dass sie sich jemanden anvertrauen können.

Auch alte Verletzungen geben Hinweise

Hämatome und Frakturen am Kiefer, abgebrochene oder ausgeschlagene Zähne, Platzwunden – all das sind Indizien, dass Gewalt zu den Verletzungen geführt hat. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Verletzungen ganz frisch sind oder schon eine Weile zurück liegen. „Ein Alarmzeichen ist es, wenn neben den aktuellen Verletzungen auch Spuren von früheren Gewalteinwirkungen zu erkennen sind“, erklärt Prof. Oesterreich. Dies ist nicht selten der Fall. Oft werden die betroffenen Frauen von ihren aggressiven Partnern wiederholt geschlagen und misshandelt.

Hellhörig werden zahnmedizinische Behandler auch, wenn die sichtbaren Verletzungen mit der Erklärung, wie sie angeblich entstanden sind, nicht übereinstimmen. Auffällig sind zudem Partner, die der Frau nicht von der Seite weichen und übermäßig kontrollieren. „Beachtet der Zahnarzt diese Faktoren, wird er die Ursache der Verletzungen meist richtig einschätzen“, meint Prof. Oesterreich.

Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“

Neben der Behandlung der Verletzungen und der genauen Dokumentation sind deutliche Hinweise für die betroffenen Frauen auf das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen“ hilfreich. Unter der Telefonnummer 08000116016 können sich Frauen, die Gewalt ausgesetzt sind, anonym und kompetent beraten lassen. Die Hotline hat an 365 Tagen rund um die Uhr geöffnet und wird vom Bundesamt für Familie und Bundesministerium für Familie angeboten.

Zahnärztekammern mit Aktionen

Verschiedene Zahnärztekammern haben Aktionen gegen häusliche Gewalt gestartet. Dabei rufen die Initiatoren ihre Kolleginnen und Kollegen auf, bei fragwürdigen Verletzungen und widersprüchlichen Erklärungen genau hinzuschauen und dem Opfer neben der zahnmedizinischen Behandlung weitere Hilfen anzubieten. Dazu stellen die Zahnärztekammern einen speziellen Befundbogen zur Verfügung, mit dem in der Zahnarztpraxis die Spuren der häuslichen Gewalt genau dokumentiert werden können. Die Dokumentation kann noch Jahre später im Falle einer Anzeige als Beweis vor Gericht dienen.

Vertrauen schaffen

Über die spezifische Dokumentation der Verletzungen durch Gewalteinwirkung sollte der Zahnarzt aufklären und das Einverständnis des Pateinten einholen. Gegebenenfalls und insbesondere bei weiteren körperlichen Verletzungen ist auch eine Überweisung an ein gerichtsmedizinisches Institut sinnvoll. Viele der Gewaltopfer haben aber enorme Ängste, sich anderen Menschen anzuvertrauen. Andere dagegen hoffen, dass sie auf ihre Not angesprochen werden. Wie Zahnärzte sensibel und Vertrauen fördernd mit betroffenen Patienten umgehen und welche effektive Hilfestellung auch mit Hinweisen an zuständige Stellen sie geben können, ist bei speziellen Fortbildungen zu lernen, welche die Landeszahnärztekammern anbieten. Bei diesen Seminaren wird vermittelt, wie man Verletzungen durch häusliche Gewalt sicher erkennt. Im Unterschied zu Prellungen oder Verbrennungen heilen abgebrochene Zähne und Brüche im Kieferbereich nicht, wenn sie unbehandelt bleiben. Daher überwinden viele Gewaltopfer ihre Scham und machen einen Zahnarzttermin.

Zahnärzte mit Schlüsselrolle

Diesem kommt dann eine Schlüsselrolle zu, die er gezielt nutzen kann. So machen die Aktionen der Landeszahnärztekammern die Zahnärzte fit, die Patientin nicht nur medizinisch zu versorgen. Vielmehr geben sie Hilfestellungen, wie Zahnärzte behutsam ein offenes Gespräch einleiten können, wie der Dokumentationsbogen richtig ausgefüllt wird und geben dem Zahnarzt Adressen von Hilfsorganisationen an die Hand, die er an die Patientin weitergeben kann.