Nikotinkonsum steigt wieder an. Welche Rolle spielen Netflix und Nikotintrends?

Nikotinkonsum steigt wieder an. Welche Rolle spielen Netflix und Nikotintrends?

  • Streamingdienste zeigen vermehrt Raucherszenen
  • Neue Nikotintrends präsentieren sich scheinbar harmlos
  • Kinder und Jugendliche besonders gefährdet

Immer weniger Menschen rauchen. Seit 2000 hat sich der Zigarettenkonsum laut Jahrbuch Sucht 2025 fast halbiert. Eine erfreuliche Entwicklung – doch es gibt eine Kehrseite: Im Jahr 2024 stieg der Konsum wieder um 3,5 Prozent. Der Weltnichtrauchertag am 31. Mai 2026 steht deshalb unter dem Motto ‚Unmasking the appeal‘ – den Reiz entlarven. Denn die Tabak- und Nikotinindustrie hat ihre Strategien verfeinert und findet immer neue, oft subtile Wege, besonders junge Menschen anzusprechen.

Man könnte meinen, der Marlboro-Mann sei Geschichte. Doch er kehrt zurück – nicht auf Plakatwänden, sondern in Serien und Filmen. Netflix kündigte 2019 an, Rauchszenen zu reduzieren. Studien der amerikanischen Anti-Tabak-Organisation ‚Truth Initiative‘ zeigen jedoch, dass fast ein Drittel der erfolgreichsten Produktionen weiterhin Rauchszenen enthält – oft ohne kritischen Kontext. Die Konditionierung erfolgt auf neuen, unauffälligen Wegen, aber mit großer Wirkung.

Die Hintertür zur Sucht

Parallel dazu erschließt die Industrie neue Einstiegsprodukte. Neben klassischen Zigaretten gewinnen Vapes, E-Zigaretten und Shishas an Beliebtheit. Aromatisierte Produkte ohne sichtbaren Rauch wirken harmlos, führen aber oft in den Nikotinkonsum. Besonders problematisch sind Trends wie tabakfreie Nikotinbeutel oder Snus. Obwohl in Deutschland verboten, sind sie online leicht erhältlich. Nutzer platzieren sie zwischen Oberlippe und Zahnfleisch, wo sie bis zu 45 Minuten verbleiben. In dieser Zeit wirken hohe Nikotinkonzentrationen und Schadstoffe direkt auf die Mundschleimhaut. „Die Folgen: irreversibler Zahnfleischrückgang, Entzündungen, Schleimhautveränderungen und Mundtrockenheit“, warnt Dr. Romy Ermler, Vorstandsvorsitzende der Initiative proDente e.V. und Präsidentin der Bundeszahnärztekammer.

Verteilerstelle Schulhof

Auch Produkte wie aromatisierte Zahnstocher verbreiten sich über soziale Medien. Mit Minze-, Erdbeere- oder Cola-Geschmack kommen sie harmlos daher. Mittlerweile kursieren aber auch Nikotinvarianten. Sie wirken wie Lifestyle-Accessoires, bergen aber ein hohes Suchtpotenzial – besonders für Kinder und Jugendliche. Die Nikotindosis liegt bis zu dreimal höher als bei einer Zigarette. Die Strategie ist klar: Nikotin wird unauffälliger, moderner und leichter zugänglich – und es landet immer häufiger genau da, wo es nicht gewünscht ist: in Kinderzimmern und auf Schulhöfen.

Drastische Auswirkungen auf die Zähne

Für die Mundgesundheit bleibt die Bilanz eindeutig, unabhängig von der Konsumform. „Rauchen und Nikotinkonsum erhöhen das Risiko für Parodontitis um ein Vielfaches, in schweren Fällen bis zum 15-fachen. Auch Karies, Zahnverfärbungen, Mundgeruch und ein erhöhtes Risiko für Mund- und Rachenkrebs sind wissenschaftlich gut belegt. Zudem verlaufen zahnärztliche Behandlungen bei Rauchenden oft weniger erfolgreich, da Heilungsprozesse gestört sind“, erklärt Dr. Ermler.

Neue Trends schnell entzaubern

Zahnärztinnen und Zahnärzte haben oft mehr Kontakt zu jungen Menschen als andere Mediziner. Diese Chance gilt es zu nutzen, denn sie erkennen Schäden frühzeitig. Unterstützung bietet der Patientenflyer „Rauchfrei für Ihre Mundgesundheit“, den die Bundeszahnärztekammer gemeinsam mit dem Deutschen Krebsforschungszentrum entwickelt hat. Fest steht: Die Wege, Nikotin zu konsumieren, werden moderner – die Folgen für die Mundgesundheit bleiben gleich oder verschlimmern sich. Ob Zigarette, Vape oder Snus – Zähne und Zahnfleisch leiden immer. Umso wichtiger sind Aufklärung, frühe Intervention und wirksame Hilfsangebote, um den Konsum weiter einzudämmen.