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Wenn die Seele schmerzt – psychogene Zahnersatzunverträglichkeit

Zähne und Seele hängen eng zusammen. Redewendungen wie „Zähne zusammenbeißen“ oder „auf Granit beißen“ belegen dies. Gerade in den Zahnarztpraxen werden die Zusammenhänge sichtbar. Zunehmend leiden Patienten unter psychosomatischen Beschwerden. Während die einen über einen langen Zeitraum hinweg unerklärliche Schmerzen haben, knirschen und pressen sich andere durch die Nacht. Wieder andere sind von der sogenannten psychogenen Zahnersatzunverträglichkeit betroffen.

Hinter dem Begriff psychogene Zahnersatzunverträglichkeit verbergen sich vielfältige Symptome wie diffuse, weit ausstrahlende Schmerzen, Mundschleimhautbrennen, Geschmacksirritationen und Schluckbeschwerden. „Die Betroffenen sind meist fest davon überzeugt, dass die oftmals chronischen Beschwerden durch eine Materialunverträglichkeit des Zahnersatzes hervorgerufen werden“, so Dr. Dietmar Oesterreich von der Initiative proDente. Nicht selten bestehen sie auf eine Neuanfertigung der Prothese, obwohl der zahnärztliche Befund keinen Anlass zur Korrektur gibt.

„Life event“ als Ursache

Oftmals geben psychosoziale Faktoren den Ausschlag für die Schmerzen im Kiefer-Gesichts-Bereich. Studien zeigen, dass der Beginn der Beschwerden unter anderem mit einem einschneidenden Lebensereignis, einem „life event“ einsetzt. „Die Diskrepanz zwischen medizinischem Befund und Befinden des Patienten sollte den Zahnarzt veranlassen auch nach einschneidenden Lebensereignissen des Patienten zu fragen“, erklärt Dr. Oesterreich. Hat ein Zahnarzt diagnostisch alle zahnmedizinischen Ursachen für die Beschwerden ausgeschlossen und erkennt er eindeutig seelische Faktoren als Quelle für die körperlichen Beschwerden, wird er dem Patienten raten, einen Psychotherapeuten aufzusuchen. So manchen Patienten wird dies sicher überraschen, aber bei einer gezielten Aufklärung wird er Verständnis entwickeln.

Nächtliche Schwerstarbeit

Neben dem Phänomen der psychogenen Zahnersatzunverträglichkeit gibt es auch andere Ventile, angestauten Druck abzulassen. Zahlreiche Menschen verarbeiten Stress nachts, indem sie sich durch die Nacht knirschen und pressen. Sie kauen ihre Probleme und Sorgen im Schlaf immer wieder durch. Die Folge: Zuerst werden die Höcker auf den Zähnen, dann die Zahnoberfläche selbst durch den ständigen Knirschprozess abgerieben – Zahnärzte können das an den unnatürlich glatt polierten Kauflächen erkennen. Erste Hilfe bei nächtlichem Zähneknirschen bietet eine Aufbissschiene, die die Zähne und das Kiefergelenk entlastet und so das unerwünschte Knirschen und Mahlen verhindert – der „Knirscher“ wird vor sich selbst geschützt. „Diese Maßnahme kann durch die Behandlung einer speziellen Physiotherapie ergänzt werden, die die Kiefermuskeln lockert“, so Dr. Oesterreich. Der Ursache begegnen auch hier Entspannungstechniken und Methoden wie autogenes Training.