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Von der Ausschaltung des Schmerzes

Beim Zahnarzt muss heutzutage kein Patient mehr heftige Schmerzen aushalten. Moderne Betäubungsmittel machen es möglich. Das war nicht immer so. Über Jahrhunderte versuchte man, den Schmerz mit Alkohol oder narkotisierenden Pflanzenextrakten auszuschalten. Dies gelang jedoch nicht vollständig. Nicht selten musste der vom Zahnschmerz Gepeinigte sogar gefesselt oder festgehalten werden, um die Behandlung zu überstehen.   

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts ließen fahrende Schausteller Zuschauer Lachgas einatmen. Diese zeigten daraufhin eine euphorische Stimmung und torkelten zur Belustigung der übrigen Zuschauer herum.

Lachgas: vom Gesellschaftsspiel zum Anästhetikum

„Der amerikanische Zahnheilkundler Horace Wells kam bei einer solchen Lachgasparty 1844 auf den Gedanken, Lachgas zu Narkosezwecken einzusetzen“, erläutert Prof. Dr. med. habil. Dr. phil. Werner E. Gerabek vom Institut für Geschichte der Medizin, Universität Würzburg, und vom Bereich Geschichte und Ethik der Medizin, Universitätsklinikum Regensburg. „Wells ließ sich nach Einatmen von Lachgas schmerzfrei einen Zahn ziehen“, so Gerabek. Das farblose Gas aus der Gruppe der Stickoxide wurde in der Zahnmedizin sehr beliebt. Seit 1868 wurde ihm Sauerstoff zugemischt. Hierdurch hielt die Narkosewirkung länger an und es erlangte zusätzlich an Bedeutung. Heute wird Lachgas vor allem aufgrund seiner angstlösenden Eigenschaft eingesetzt. Ängstliche und ungeduldige Patienten – auch Kinder – können bei erhaltenem Bewusstsein leicht sediert werden.

Äther und Chloroform: Inhalations-Anästhesie weltweit

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts verbreitete sich die Inhalations-Anästhesie. Neben Lachgas wurden weltweit auch Äther und Chloroform eingesetzt. Erste Erfolge mit Schwefeläther erzielte der amerikanische Zahnarzt William T. G. Morton. Er führte 1846 die erste schmerzlose Operation durch und gilt als Entdecker der Narkose. Durch vielfältige Nebenwirkungen setzten Ärzte jedoch statt Äther zunehmend Chloroform ein. Um die Jahrhundertwende wurden jedoch seine lebertoxische Wirkung und lebensbedrohliche Komplikationen bekannt. In den Folgejahren verwendeten Ärzte daher eine Kombination aus Lachgas und Äther. Durch Entdeckung der beruhigenden und schlaffördernden Barbiturate zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde auch die intravenöse (direkt in die Blutbahn) Anästhesie möglich. Von entscheidender Bedeutung speziell für die Kieferchirurgie war zudem die Entwicklung der endotrachealen Narkose, bei der ein Rohr zur Beatmung durch Mund oder Nase in die Luftröhre eingeführt wird.

Kokain: erste lokale Betäubung

Der erste Wirkstoff, den Zahnärzte zur örtlichen Betäubung einsetzten, war Kokain. Es ist ein Alkaloid des in Südamerika beheimateten Kokastrauchs. Als Erster spritzte sich 1885 der amerikanische Chirurg William Stewart Halsted im Selbstversuch eine Kokainlösung in die Nähe des Unterkiefernervs und betäubte so die gesamte Leitungsbahn. Die sogenannte Leitungsanästhesie war erfunden. Heute wird sie in jeder Zahnarztpraxis eingesetzt – natürlich nicht mehr mit Kokain. Denn die Anwendung führte zu zahlreichen Nebenwirkungen und Abhängigkeit. Mit Procain stand ab 1905 ein dem Kokain chemisch ähnlicher Wirkstoff zur Verfügung, aber ohne dessen toxische Nebenwirkungen und suchtbildende Eigenschaften. Zudem kombinierten Zahnärzte den Wirkstoff nun mit Adrenalin – einem blutgefäßverengenden Zusatz. Hierdurch hielt die Betäubung länger an.

Bis heute ist die lokale Betäubung immer weiter entwickelt worden. Je nach Art und Umfang des Eingriffs können Zahnärzte moderne Wirkstoffe genau dosieren. Nach über einem Jahrhundert Erfahrung gilt die lokale Betäubung heute als sehr wirksam und sicher.

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