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Goldbrecher und Zahnkünstler

Ob der junge Bruno jemals eine Prüfung vor einer etruskischen Innung abgelegt hat, wissen nur die Götter. Aber in der Po-Ebene gelangte der junger Etrusker, um 900 v.Chr. aufgrund seines handwerklichen Geschicks schnell zu einer gewissen Berühmtheit. Heute erinnern nur noch archäologische Funde an die ersten Zeugnisse kunstvollen Zahnersatzes aus Knochen und Golddraht. Vom Zahnersatz der Etrusker sollte es noch rund 2.800 Jahre dauern, bis sich das zahntechnische Handwerk als ordentlicher Beruf etablieren konnte.

Grundlage dafür waren Entwicklungen im 18. und 19. Jahrhundert in Bezug auf Material und Fertigung.

Porzellan, Gips und Wachs

Der Apotheker und Alchemist Friedrich Böttger suchte ursprünglich nach einem Weg, Gold herzustellen. Doch letztlich notierte er im Januar 1708: „Optimal weiß und durchscheinend“. Böttger hatte das chinesische Geheimnis der Porzellanherstellung gelüftet.

Der königlich-preußische Hofzahnarzt Philipp Pfaff veröffentlichte 1756 das erste Lehrbuch der Zahnheilkunde. Er beschrieb darin, wie er Wachsabdrücke von Kiefern angefertigt hatte, um sie mit Gips auszugießen und Zahnersatz herzustellen. Pfaff erwähnte auch als Erster, dass die Anfertigung des Zahnersatzes durch einen Künstler zu erfolgen hat. Damit kam erstmals der Zahntechniker ins Spiel.

1808 entwickelte Giuseppangelo Fonzi in Italien Porzellanzähne in 20 Farben. Doch alle einzelnen Fortschritte bei der Herstellung und Befestigung von Zahnersatz sagen noch nicht viel darüber aus, wer damals den Zahnersatz anfertigte. Dazu muss man einen Blick auf den 6. August im Jahr 1847 in Preußen werfen.

Preußenkönig in zahnärztlicher Behandlung

„Die Zeit, in der wir leben, verlangt Licht und Aufklärung“, beginnt Friedrich Wilhelm IV. seine Ansprache vor den versammelten Ministern. Versonnen blickt der Preußenkönig durch den Saal im Schloss Sanssouci und denkt an die zahnärztliche Behandlung, der er sich kurz zuvor durch den „Hof- und practischen Zahnarzt“ Johann Friedrich Wilhelm Hesse (1782–1832) unterziehen musste. Dann fährt er fort: „Daher verbieten wir Goldarbeitern und gewöhnlichen Gewerbetreibenden alle zahnärztlichen Operationen und das Einsetzen künstlicher Zähne.“ Wenige Tage später verbreitet der Minister für geistliche Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten in Preußen das Verbot der sogenannten Kurierfreiheit. Doch der Versuch, medizinische Behandlungen nur von bestimmten Berufen ausüben zu lassen, währte nur 22 Jahre. Zwischen 1869 und 1872 wurde es Goldarbeitern und Gewerbetreibenden im gesamten Deutschen Reich wieder gestattet, unabhängig von ihrer Ausbildung medizinisch tätig zu sein. Das blieb nicht ohne Folgen. Aus einer wilden Mischung von Chirurgen, Wundärzten, Badern, Barbieren, Goldschmieden, Instrumentenmachern und Feinmechanikern entwickelten sich im Lauf des 19. Jahrhunderts die „Verfertiger künstlicher Zähne und Gebisse“, die 1880 einen Verein deutscher Zahnkünstler gründeten. Der Berliner Verein schließlich wandelte sich 1884 zur ersten deutschen Innung des Zahntechniker-Stands. Diese Entwicklung mündete in neue Betriebe. So wird 1909 ein neuer Typ des Praxisbetriebes erwähnt, die sogenannten „zahntechnischen Laboratorien“.

Abgrenzung nach dem Ersten Weltkrieg

Ein weiterer Schub entsteht nach dem Ersten Weltkrieg, als innerhalb von 20 Jahren aus dem beruflichen Trio Zahnarzt, Dentist, Zahntechniker ein Duo wird. Dabei spielt die Konkurrenz der „zahnärztlichen“ Berufsgruppen eine wichtige Rolle. Während die Dentisten ab 1910 ihre Leistungen mit den Krankenkassen abrechnen dürfen, führen die Zahnärzte 1909 eine Studienordnung ein. Fast zeitgleich grenzen sich die zahnärztlichen Berufsorganisationen von der Konkurrenz ab. Zahnärzte dürfen Prothesen nicht selber herstellen und auch nicht von Dentisten anfertigen lassen. Der Dentist, ein Beruf der just dabei war, sich zwischen zahntechnischem Handwerk und der Zahnheilkunde zu etablieren, gerät zwischen die Stühle. Zahnärzte werden nun vermehrt ausgebildet und sichern den wachsenden Bedarf. Zahntechniker fokussieren sich auf die Fertigung von Zahnersatz. 1930 schließlich wird das zahntechnische Handwerk durch den gemeinsamen Beschluss des Deutschen Handwerks- und Gewerbekammertages ein allgemein anerkanntes „selbstständiges Gewerbe, das sich nicht mit Heilbehandlung befasst“.