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Interview „Wer Cola trinkt, spürt die Wirkung“

Professor Dr. Thomas Attin, geschäftsführender Leiter des Zentrums für Mund- und Kieferheilkunde der Universität Göttingen, im Interview über ernährungsbedingte Defekte der Zahnhartsubstanzen.

Herr Professor Attin, welche Zahndefekte gibt es, die vor allem auf falsche Ernährung zurückzuführen sind?

Zahndefekte durch die Nahrung können auf direktem oder auf indirektem Weg entstehen. Direkt schädlich ist der Einfluss von Säuren – man spricht hier von Säureerosion, die zu flächenhaftem Verlust der Zahnsubstanz führt. Die gesamte Zahnsubstanz nimmt ab, sodass die Relation zwischen Ober- und Unterkiefer verloren gehen kann. In den Lebensmitteln kommen solche Säuren beispielsweise in Form von Zitronensäure, Äpfelsäure oder Phosphorsäure vor, letztere vor allem auch in Cola.

Indirekt schädlich sind Säuren, die Bakterien in der Mundhöhle aus sogenannten niedermolekularen Polysacchariden, das heißt meist Zucker, aus der Nahrung bilden. Es entsteht hauptsächlich Laktat, also Milchsäure. Hier ist der unmittelbare Effekt nicht so groß, denn Milchsäure ist nicht so stark sauer, ihr pH-Wert liegt zwischen 4 und 4,5. Die sauren Getränke und Nahrungsmittel hingegen haben einen pH-Wert um 2.

Was genau bewirkt die Säure?

Die Säure löst die oberflächliche Zahnsubstanz an, und ein Teil der dort eingelagerten Calciumphosphate schwimmt einfach mit dem Speichel oder mit dem Getränk davon. Außerdem kann die erweichte Zahnhartsubstanz beim Zähneputzen oder durch harte Nahrung zusätzlich abgetragen werden. Natürlich bewegen wir uns bei diesem Effekt im Mikrometer-Bereich – die Substanz erweicht jedes Mal in einer Schichtdicke von etwa 0,001 mm. Allerdings ist das Dramatische der Summationseffekt – wer dauernd Cola oder Orangensaft trinkt, wird die Wirkung nach einiger Zeit sicher spüren.

Von welchen Ess- und Trinkgewohnheiten bei Kindern und Jugendlichen raten Sie besonders ab und warum?

Ganz schlecht für die Zähne ist das, was die Amerikaner als „Sipping“ bezeichnen, also schlückchenweises Trinken säurehaltiger Getränke über den ganzen Tag verteilt. Denn dann kommt es immer wieder zu einer pH-Absenkung, eine Regeneration durch den Speichel ist kaum möglich. Normalerweise hat der Speichel eine Pufferfunktion und sorgt außerdem für die Remineralisierung der Zähne. Für die Abpufferung der Säure braucht der Speichel allerdings mindestens 10 bis 20 Minuten – ohne diese Zeit ist auch die Schutzfunktion nicht aufrechtzuerhalten.

Und welche Speisen tun den Zähnen so richtig gut?

Das ist schwierig zu beantworten, da es kaum wissenschaftlich fundierte Ergebnisse dazu gibt. Hier würde ich lieber davon sprechen, dass bestimmte Nahrungsmittel zumindest nicht zahnschädigend sind und vermutlich auch etwas für die Gesundheit tun können. Kalziumhaltige Produkte wie Joghurt und Käse zum Beispiel scheinen bei einem Zahn mit Erosion bis zu einem gewissen Grad dafür sorgen zu können, dass dieser Zahn das fehlende Calciumphosphat ersetzen kann. Gesunde Zähne werden allerdings nicht gesünder, da ihnen ja nichts fehlt. Auch Fette scheinen eine Schutzwirkung zu haben, denn sie legen sich als Film auf Zähne und Zahnfleisch, und das mögen die Kariesbakterien gar nicht. Sie können sich nicht so gut anheften und daher nicht so viele Schäden verursachen.

Zwischenmahlzeiten werden im Zuge einer ausgewogenen Ernährung sehr empfohlen. Wie lassen sich diese mit einer guten Zahngesundheit vereinbaren?

Hier sollten die Menschen solche Lebensmittel bevorzugen, die nicht zahnschädigend sind, das heißt, die nicht gesüßt sind. Zuckrige Snacks und Riegel sind daher nicht geeignet – aber diese sind ja bekanntermaßen auch für die sonstige Gesundheit nicht zu empfehlen. Das beliebte Käsebrötchen ist aber für die Zähne völlig in Ordnung, denn die darin enthaltene Stärke ist ein so großes Molekül, dass die Bakterien im Mund es nur sehr langsam verstoffwechseln können. Daher kommt es nicht zur zahnschädigenden schnellen pH-Absenkung.

Was können Mütter für die Zahngesundheit ihrer Kinder tun, damit schon frühzeitig die Weichen richtig gestellt sind?

Bei Kindern ist es entscheidend, dass die Zähne von Anfang an geputzt werden. Recht einfach und effizient geht das mit elektrischen Zahnbürsten, und Kinder mögen das meistens auch, weil es einen gewissen Spieleffekt hat. Auch fluoridierte Zahnpasta ist wichtig. Zahlreiche Untersuchungen haben in den letzten Jahren herausgestellt, dass Fluorid in erster Linie durch direkten Kontakt mit dem Zahnschmelz karieshemmend wirkt. Deshalb empfehlen Zahnärzte schon bei Kleinkindern ab dem ersten durchgebrochenen Milchzahn das Zähneputzen mit Kinderzahnpasta mit einem Fluoridgehalt bis zu 500 ppm (gleich 0,05 Prozent).

Ein wichtige Rolle spielt auch der Zuckergehalt der Lebensmittel. Gerade bei den Zwischenmahlzeiten sollten wenig zuckerreiche Produkte verzehrt werden. Das heißt nicht nur, dass Kinder keine Süßigkeiten essen dürfen. Schädlich sind nämlich auch gesüßte Tees oder Apfelsaftschorle, denn die Schorle beispielsweise ist meist gesüßt und gleichzeitig säurehaltig – die Kinder bekommen dann entweder Karies oder Erosion. Das beste Getränk für die Zähne ist immer noch Wasser.

Welche ernährungsbedingten Zahnprobleme kann man im Nachhinein noch ausgleichen bzw. bei welchen kann man Schadensbegrenzung betreiben?

Wie gesagt scheinen kalziumreiche Produkte wie Käse oder Joghurt erweichte Zahnsubstanz bei der Regeneration unterstützen zu können, doch dies ist wissenschaftlich nicht vollkommen gesichert. Fluoridzahnpasta hat einen sehr positiven Effekt auf die Zähne, angelöste Zahnflächen sind damit zum Teil reparierbar.

Welchen Stellenwert nimmt die Ernährung Ihrer Meinung nach bei der Zahngesundheit ein?

Die Ernährung ist sehr wichtig und ihre Bedeutung wird vielfach unterschätzt. Denn Gewohnheiten werden ja auch sehr ungern abgelegt, und es fällt schwer, auf Cola oder Ähnliches zu verzichten. Es ist außerdem erwiesen, dass beispielsweise die Wachstumsrate der Karies verursachenden Laktobazillen direkt damit zusammenhängt, ob ein Mensch die Lebensmittel isst, die die Bakterien leicht verstoffwechseln können. Ist das der Fall, nimmt ihre Zahl stark zu, und vor allem bereits vorhandene Karies schreitet weiter voran.