Interview "Parodontitis in aller Munde?"
Herr Dr. Bengel, Sie praktizieren seit 26 Jahren als Zahnarzt in Bensheim und sind auch in der Kassenzahnärztlichen Vereinigung (KZV) Hessen aktiv. Würden Sie Zahnfleischerkrankungen als eine moderne Volkskrankheit bezeichnen?
Dr. W. Bengel: „Da schätzungsweise 80% aller Erwachsenen jenseits der 35 Jahre Zahnfleischentzündungen aufweisen und sogar jeder fünfte Bundesbürger mit massiven Schädigungen kämpft, kann man schon von einer Volkskrankheit sprechen. Dennoch darf man diese Bilanz auch nicht überdramatisieren, da nicht jede Entzündung Entzündung
Gewebeschädigung durch mechanische (z.B. Fremdkörper), physikalische (z.B. Hitze, Kälte, UV-Licht), chemische (z.B. bakterielle Gifte, Säuren, Laugen) Reize oder Erreger (Mikroorganismen, Würmer, Insekten) mit den fünf typischen Symptomen: Rötung, Schwellung, Schmerz, Hitze und gestörte Funktion.
schwerwiegende Folgen haben muss.
Sind kleinere Entzündungen denn Vorboten einer massiven Zahnfleischerkrankung?
Dr. W. Bengel: Es gibt zwei Hauptformen von Erkrankungen des Zahnhalteapparates: Die Gingivitis Gingivitis
Entzündung des Zahnfleischsaumes. Das Zahnfleisch ist dabei geschwollen, gerötet und neigt zur Blutung. Oft mit Mundgeruch verbunden. Ohne Knochenabbau oder Lockerung des Zahnes. Sie kann mechanisch (Zahnstein), infektiös (bakteriell, Plaquebakterien), toxisch (Schwermetallvergiftung) oder hormonell (Schwangerschaftsgingivitis) bedingt sein. Auch als Begleiterkrankung einer Allgemeinerkrankung wie Diabetes mellitus, AIDS.
und die Parodontitis Parodontitis
Entzündung des Zahnbettes. Zu unterscheiden in Parodontitis apicalis, Parodontitis interradicularis, Parodontitis marginalis.
(umgangssprachlich bekannt als Paradontose). Bei der Gingivitis Gingivitis
Entzündung des Zahnfleischsaumes. Das Zahnfleisch ist dabei geschwollen, gerötet und neigt zur Blutung. Oft mit Mundgeruch verbunden. Ohne Knochenabbau oder Lockerung des Zahnes. Sie kann mechanisch (Zahnstein), infektiös (bakteriell, Plaquebakterien), toxisch (Schwermetallvergiftung) oder hormonell (Schwangerschaftsgingivitis) bedingt sein. Auch als Begleiterkrankung einer Allgemeinerkrankung wie Diabetes mellitus, AIDS.
handelt es sich um eine Entzündung Entzündung
Gewebeschädigung durch mechanische (z.B. Fremdkörper), physikalische (z.B. Hitze, Kälte, UV-Licht), chemische (z.B. bakterielle Gifte, Säuren, Laugen) Reize oder Erreger (Mikroorganismen, Würmer, Insekten) mit den fünf typischen Symptomen: Rötung, Schwellung, Schmerz, Hitze und gestörte Funktion.
des Zahnfleisches, bei der es noch nicht zu schlimmeren Schäden gekommen ist. Diese Entzündungen bleiben leider oft unbehandelt. Es ist jedoch ungewiss wie sie verlaufen. In manchen Fällen kann sich aus einer eher harmlosen Gingivitis Gingivitis
Entzündung des Zahnfleischsaumes. Das Zahnfleisch ist dabei geschwollen, gerötet und neigt zur Blutung. Oft mit Mundgeruch verbunden. Ohne Knochenabbau oder Lockerung des Zahnes. Sie kann mechanisch (Zahnstein), infektiös (bakteriell, Plaquebakterien), toxisch (Schwermetallvergiftung) oder hormonell (Schwangerschaftsgingivitis) bedingt sein. Auch als Begleiterkrankung einer Allgemeinerkrankung wie Diabetes mellitus, AIDS.
eine Parodontitis Parodontitis
Entzündung des Zahnbettes. Zu unterscheiden in Parodontitis apicalis, Parodontitis interradicularis, Parodontitis marginalis.
mit irreversiblen Schädigungen des Zahnfleischapparates und dem Verlust der Zähne entwickeln.
Es scheint das Problem ist in aller Mund, aber wohl nicht bewusst in den Köpfen?
Dr. W. Bengel: Mit der allgemeinen Aufklärung steht es nicht immer zum besten. Dazu kommt, dass sich eine Parodontitis Parodontitis
Entzündung des Zahnbettes. Zu unterscheiden in Parodontitis apicalis, Parodontitis interradicularis, Parodontitis marginalis.
meistens eher leise anschleicht. Betroffene nehmen erste Symptome nicht richtig ernst, weil sie keine Schmerzen haben. An tägliches Zahnfleischbluten haben sich viele gewöhnt. Würden Blutungen beispielsweise an anderen Stellen des Körpers auftreten, wäre die Signal-wirkung wahrscheinlich größer. So ist auch das Wissen, dass nicht nur die Zähne, sondern der ganze Körper betroffen ist, gegenwärtig immer noch gering. Parodontitis Parodontitis
Entzündung des Zahnbettes. Zu unterscheiden in Parodontitis apicalis, Parodontitis interradicularis, Parodontitis marginalis.
erhöht das Risiko für weitere Erkrankungen, wie bspw. Herzinfarkt oder Gelenkerkrankungen um ein Vielfaches.
Wie kann es denn überhaupt zu einer Zahnfleischerkrankung kommen?
Dr. W. Bengel: „Die Bösen sind wie so oft Bakterien Bakterien
Einzellige Kleinstlebewesen, die sich durch Zweiteilung vermehren. Man unterscheidet krankheitserregende und nicht-krankheitserregende Bakterien. Die krankheitserregenden (pathogenen) Formen können sich krankmachend (virulent) und nicht krankmachend verhalten. Bakterien, die auf Sauerstoff angewiesen sind, nennt man Aerobier; die nur in einer sauerstofffreien Umgebung wachsen, Anaerobier. In der Mundhöhle eines jeden Menschen tummeln sich rund 50 Millionen verschiedene Bakterien. Einige davon sind schädlich, z.B. das Streptoccocus mutans. Es schädigt mit sauren Stoffwechselprodukten die Zahnoberfläche. Als Folge kann Karies entstehen.
, die sich auf den Zahnoberflächen festsetzen. Um sie zu vernichten, kommt das Immunsystem der Betroffenen so richtig in Fahrt. Es bildet Enzyme, die nicht nur die Bakterien Bakterien
Einzellige Kleinstlebewesen, die sich durch Zweiteilung vermehren. Man unterscheidet krankheitserregende und nicht-krankheitserregende Bakterien. Die krankheitserregenden (pathogenen) Formen können sich krankmachend (virulent) und nicht krankmachend verhalten. Bakterien, die auf Sauerstoff angewiesen sind, nennt man Aerobier; die nur in einer sauerstofffreien Umgebung wachsen, Anaerobier. In der Mundhöhle eines jeden Menschen tummeln sich rund 50 Millionen verschiedene Bakterien. Einige davon sind schädlich, z.B. das Streptoccocus mutans. Es schädigt mit sauren Stoffwechselprodukten die Zahnoberfläche. Als Folge kann Karies entstehen.
zerstören, sondern auch das gute Kollagen, was letztendlich zum Verlust von Bindegewebe Bindegewebe
Körpergrundgewebe mit vielfältigen Funktionen und Differenzierungen (z.B. gallertiges, kollagenes, elastisches, faseriges, spinozelluläres B.): auch als "Chamäleon" der Grundgewebearten bezeichnet. Allgemein setzt sich Bindegewbe aus Zellen und Interzellularsubstanz zusammen und wird je nach Aufgabe differenziert.
und Knochen führen kann.
Ist Zahnfleischbluten ein sicheres Alarmsignal?
Dr. W. Bengel: Gesundes Zahnfleisch Zahnfleisch
Siehe unter Gingiva.
blutet nicht. Dieses Alarmsignal sowie auch rotes, geschwollenes oder empfindliches Zahnfleisch Zahnfleisch
Siehe unter Gingiva.
, Taschenbildung, Mundgeruch Mundgeruch
siehe unter >>Halitosis.
sollten sehr ernst genommen werden.
Wie sieht die schnelle Hilfe in solchen Fällen aus?
Dr. W. Bengel: Der erste Schritt sollte auf jeden Fall der Gang zum Zahnarzt sein, da eine nicht behandelte Parodontitis Parodontitis
Entzündung des Zahnbettes. Zu unterscheiden in Parodontitis apicalis, Parodontitis interradicularis, Parodontitis marginalis.
zwangsläufig zu Zahnverlust führt. Die folgende Therapie wird dann ganz individuell auf die Situation der Patienten abgestimmt.
Damit ist es doch sicherlich nicht getan? Ist die Behandlung langwierig?
Dr. W. Bengel: Die Dauer der jeweiligen Behandlung hängt natürlich sehr vom Ausmaß der Erkrankung ab. Für einen langfristigen Behandlungserfolg ist eine regelmäßige Nachsorge von ganz entscheidender Bedeutung. "Mit einer guten Nachsorge steht und fällt der Erfolg bei der Behandlung einer Parodontitis Parodontitis
Entzündung des Zahnbettes. Zu unterscheiden in Parodontitis apicalis, Parodontitis interradicularis, Parodontitis marginalis.
!“ Auffallend ist in Deutschland die Diskrepanz zwischen den stattfindenden Behandlungen und der tatsächlichen Anzahl der Erkrankungen. Wenn die Vorsorge regelmäßig in Anspruch genommen würde, ließe sich die Zahl der Erkrankungen erheblich senken. Defizite in der Mundhygiene Mundhygiene
Maßnahmen zur Entfernung von Zahnbelägen mit Hilfsmitteln wie Zahnbürste, Zahnpasta, Zahnstocher, Zahnseide und Wasserstrahlgeräte.
können dabei frühzeitig entdeckt und behoben werden.
Es muss also gar nicht so weit kommen! Was kann man tun?
Dr. W. Bengel: „Eine kontinuierliche gründliche Mundhygiene Mundhygiene
Maßnahmen zur Entfernung von Zahnbelägen mit Hilfsmitteln wie Zahnbürste, Zahnpasta, Zahnstocher, Zahnseide und Wasserstrahlgeräte.
mit Zahnbürste und Zahnseide Zahnseide
Hilfsmittel zur Reinigung der Zahnzwischenräume, besonders bei eng stehenden Zähnen. Zahnseide sollte einmal pro Tag zusätzlich zur Reinigung der Zähne mit der Zahnbürste verwendet werden.
ist das A und O. Regelmäßige Kontrollen beim Zahnarzt in Verbindung mit professioneller Zahnreinigung optimieren ebenfalls die Chancen zur Vermeidung parodontaler Erkrankungen.“ Parallel dazu kann man aber auch viel mit der Reduzierung von „alltäglichen Übeln“ erreichen: z.B. weniger rauchen und Stress vermeiden.
Warum sind Raucher so gefährdet?
Dr. W. Bengel: Wenn man die Tatsache außer acht lässt, dass man dem Körper damit im Allgemeinen keinen Gefallen tut, haben Untersuchungen ergeben, dass sich Raucher einem bis zu 20fach höheren Risiko aussetzen, Zähne durch Parodontitis Parodontitis
Entzündung des Zahnbettes. Zu unterscheiden in Parodontitis apicalis, Parodontitis interradicularis, Parodontitis marginalis.
zu verlieren. Dabei spielt u. a. die durch das Rauchen gedrosselte Durchblutung des Gewebes eine Rolle.
Die Kontrolle durch den Zahnarzt sollte also auf keinen Fall vernachlässigt werden. Welche Änderungen ergeben sich im kommenden Jahr von Seiten der Krankenkassen?
Dr. W. Bengel: „Ab 2004 werden die Krankenkassen die Kosten für die Zahnsteinentfernung nur noch einmal jährlich übernehmen. Sollte sich im Laufe des Jahres die Not-wendigkeit zu weiteren Zahnsteinentfernungen ergeben, so wird der behandelnde Arzt dies gesondert in Rechnung stellen müssen. Auch ein guter Grund Prophylaxe zu betreiben, oder? Weiterhin wird ab Januar 2004 für jeden ersten Arzt- bzw. Zahnarztbesuch im Quartal eine Praxisgebühr von zehn Euro zu entrichten sein. Diese Gebühr wird für die Krankenkassen vereinnahmt und verbleibt nicht beim Zahnarzt. Von der Gebühr ausgenommen bleibt u.a. ein Zahnarztbesuch pro Kalenderjahr, der einer Vorsorgeuntersuchung dient. Jugendliche unter 18 Jahren sind ganz von der Gebühr befreit. Auch im Falle von Überweisungen werden zehn Euro nicht erhoben.“
