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Interview „Kinder müssen nach Zahnunfall sofort zum Zahnarzt“

Der Oberarzt Dr. Yango Pohl von der Poliklinik für Chirurgische Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde in Bonn berichtet im Interview mit proDente über Zahnunfälle im Milchzahngebiss.

Welche Zahnverletzungen werden im Milchgebiss am häufigsten beobachtet?

Überwiegend werden im Milchgebiss Zahnverlagerungen beobachtet, die Zähne sind also aus ihrer normalen Position verschoben. Je nach Unfallsituation werden die Zähne seitlich verlagert, in den Kiefer hineingetrieben oder aus ihrem Knochenfach teilweise oder ganz herausgehoben. Zahnfrakturen im Milchgebiss sind dagegen selten. Dies ist ein deutlicher Unterschied zu den Beobachtungen im bleibenden Gebiss, in dem die Zahnfrakturen deutlich überwiegen. Häufig werden auch Verletzungen der Weichgewebe – Einrisse im Zahnfleisch, Riss-Quetsch-Wunden der Lippen – beobachtet. Selten sind Knochenfrakturen.

Was raten Sie Eltern, deren Kind einen Zahnunfall hat?

Nach einem Zahnunfall sollte das verletzte Kind immer einem Zahnarzt vorgestellt werden. Nicht alle Verletzungen sind offensichtlich, und selbst kleinere Verletzungen können erhebliche Folgekomplikationen nach sich ziehen. Durch Milchzahnverletzungen können zum Beispiel die bleibenden Zähne so schwer geschädigt werden, dass sie verloren gehen. Oft sind engmaschige Kontrollen angezeigt, diese sollten unbedingt eingehalten werden. Dazu müssen auch ab und zu Röntgenaufnahmen gemacht werden.

Außerdem ist die Dokumentation der Verletzung durch den Zahnarzt Voraussetzung dafür, dass zuständige Kostenträger (z.B. Unfallkassen, Unfallversicherungen) für die Kosten des Akutfalles, aber auch die ggf. lebenslang anfallenden Kosten für Folgebehandlungen in die Pflicht genommen werden können.

Welche Behandlungen sind möglich, wenn der betroffene Milchzahn kaputt ist oder nicht mehr gerade steht?

Die Behandlungsmöglichkeiten hängen sehr vom Verletzungstyp, vom Schweregrad der Verletzung, aber auch von Faktoren wie der Kooperationsfähigkeit des Kindes ab, also vom Einzelfall. Fakturierte Zähne können wieder aufgebaut werden. Verlagerte Zähne werden meist in ihre ursprüngliche Position reponiert, wenn sie in ihrer verlagerten Position zum Beispiel den Zusammenbiss stören. Oft wartet man jedoch ein spontanes Wiedereinstellen ab, das häufig, jedoch nicht immer eintritt. Es kann aber auch erforderlich sein, die Zähne zu entfernen. Dann muss überlegt werden, ob ein Zahnersatz, zum Beispiel mit Kinderprothesen, sinnvoll und möglich ist.

Manchmal werden Milchschneidezähne durch einen Aufprall in den Kieferknochen hineingestoßen. Was ist hier zu tun?

Anhand von klinischer und Röntgenuntersuchung wird der Zahnarzt feststellen, ob die Zahnwurzel des Milchzahnes in den sich entwickelnden bleibenden Zahn hineingetrieben ist. Besteht ein solcher Verdacht, muss der Milchzahn vorsichtig entfernt werden, um eine weitere bzw. fortgesetzte Schädigung des bleibenden Zahnes zu vermeiden. Kann davon ausgegangen werden, dass der bleibende Zahn nicht durch die Milchzahnwurzel tangiert wurde, wird meist das spontane Wiedereinstellen des Milchzahnes in seine normale Position abgewartet. Dies tritt in den meisten Fällen auch ein.

Werden vollständig herausgeschlagene Milchzähne wieder eingesetzt?

Auch Milchzähne haben ihre Funktion. Sie werden zum Kauen benötigt und sind wichtig für das Aussehen. Fehlende Milchzähne beeinträchtigen außerdem die Ausformung des Kiefers und die Lautbildung. Nach vorzeitigem Milchzahnverlust sind oft logopädische Behandlungen notwendig. Zahnersatz – in der Regel Kinderprothesen – ist ausgesprochen lästig für die Patienten. Die Halteklammern können die Zähne schädigen, an denen die Prothesen fixiert werden. Die Kariesanfälligkeit steigt. Im wachsenden Kiefer müssen die Prothesen regelmäßig angepasst bzw. neu angefertigt werden, da sie sonst das Kieferwachstum beeinträchtigen können. Dies verursacht nicht unerhebliche Kosten. Grundsätzlich sollte also versucht werden, verletzte Zähne zu erhalten.

Das Zurückpflanzen ausgeschlagener Milchzähne ist umstritten. Überwiegend wird es abgelehnt, weil befürchtet wird, dass durch das Zurückpflanzen die Zahnkeime der bleibenden Zähne geschädigt werden könnten. Mit angepasster Technik kann dieses Risiko aber vermieden werden. Unter folgenden Voraussetzungen ist das Zurückpflanzen ausgeschlagener Milchzähne sinnvoll und möglich: Die Zähne sind richtig gerettet worden, sodass ein Wiedereinheilen erwartet werden kann und nicht mit Heilungskomplikationen gerechnet werden muss. Richtig gerettet bedeutet: Die ausgeschlagenen Zähne sollten innerhalb weniger Minuten in die Zahnrettungsbox gelangt sein. Zahnrettungsboxen sollten deshalb an Unfallschwerpunkten (in Schulen, Kindergärten, Sportstätten, Schwimmbädern, Familien mit Kindern, Notfalleinrichtungen sowie bei Ärzten und Zahnärzten) vorrätig sein.

Bei der Behandlung ist die Kooperationsbereitschaft der Kinder zwingend, da das Zurückpflanzen und Schienen der Zähne einige Zeit in Anspruch nimmt. Daher sind bei Kindern, die jünger als zwei bis drei Jahre sind, derartige Behandlungen nur im Ausnahmefall zugänglich. Stehen die Kinder kurz vor einem Zahnwechsel, also ungefähr im Alter von 5 bis 6 Jahren, macht es keinen Sinn, ausgeschlagene Milchzähne zurückzuverpflanzen.