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Interview „Es geht um jede Minute“

Auch ausgeschlagene Zähne können wieder perfekt einheilen – das weiß Dr. Yango Pohl von der Abteilung für Chirurgische Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde der Uniklinik Bonn aus seiner täglichen Arbeit. Im Gespräch mit proDente erläutert der Oberarzt, worauf es beim Retten eines Zahns ankommt – und wie sich die Risiken eines Zahnunfalls schon vorab minimieren lassen.

Welche Zahnverletzungen begegnen Ihnen in der Praxis am häufigsten?

Oft haben wir es mit abgebrochenen Stücken aus der Zahnkrone zu tun. Diese lassen sich meistens wieder ankleben – sofern der Patient das Stück vom Zahn gefunden hat und mitbringt. Aber auch komplett ausgeschlagene Zähne kommen vor, etwa als Folge eines Sturzes oder Schlages. In diesen Fällen geht es um jede Minute, wenn der Zahn gerettet werden soll.

Was muss man beachten, will man einen ausgeschlagenen Zahn retten?

Soll der Zahn später wieder erfolgreich einheilen, muss er entsprechend schnell in eine geeignete Nährlösung gelegt werden, damit die Zellen der Wurzelhaut am Leben bleiben. Für Lagerung und Transport haben wir mit der Zahnrettungsbox beste Erfahrungen gemacht. Kommt der Zahn rechtzeitig dort hinein, wächst er nahezu immer wieder an und kann seine volle Funktion wieder übernehmen.

Wo gibt es die Zahnrettungsbox und wer braucht sie?

Die Box ist in jeder Apotheke erhältlich – und eigentlich sollte sie in keinem Haushalt fehlen. Denn Zahnverletzungen sind schnell geschehen, auch im ganz normalen Alltag. Weil die Box klein und leicht ist, kann man sie beim Familienausflug problemlos im Rucksack mitnehmen. Das mache ich selbst übrigens auch. Wo Kinder und Erwachsene körperlich aktiv sind, macht die Zahnrettungsbox natürlich auch Sinn: In Schulen und Sportvereinen sollte sie bereitliegen – an einem zentralen Ort, den alle kennen, damit sie im Notfall wirklich schnell zur Hand ist. In Hessen hat ein Versuch den Wert der Box nachgewiesen: Dort wurden alle Schulen damit ausgestattet und die Schüler entsprechend informiert, wo die Box abgeholt werden kann, etwa im Sekretariat.

Und tatsächlich waren bei Zahnunfällen die ausgeschlagenen Zähne oder Bruchstücke im Schnitt innerhalb von fünf Minuten in der Rettungsbox. Das ist ein sehr gutes Ergebnis und die beste Voraussetzung dafür, dass der Zahn wieder einheilt.

Lassen sich aus Ihrer Sicht solche Verletzungen von vornherein vermeiden?

Manche schon, zum Beispiel beim Sport. Das Risiko für die Zähne etwa beim Hockey oder bei Kampfsportarten ist relativ hoch. Studien haben gezeigt, dass zwei Drittel im Wettkampf passieren – also wenn es richtig zur Sache geht. Aber eben auch ein Drittel beim Training. Hier kann ein beim Zahnarzt individuell angefertigter Mundschutz effektiv helfen, Verletzungen zu vermeiden. Leider gilt das Tragen eines Mundschutzes aus Kunststoffschienen heute noch als uncool und hat sich erst in wenigen Sportarten durchgesetzt.

Gibt es Vorbilder in Sachen Mundschutz?

Bei den Boxern ist ein solcher Schutz längst akzeptiert, aber auch beim Hockey ist man schon sehr weit – und gut informiert. Dazu haben Studien aus dem Ausland beigetragen. Sie zeigen, wie viel ein Mundschutz bewirkt: Er bewahrt nicht nur die Zähne vor Schaden, sondern kann so viel Energie aufnehmen, dass es auch zu erheblich weniger Kieferbrüchen und Gehirnerschütterungen kommt. Deshalb ist aus ärztlicher Sicht ein Mundschutz unbedingt zu empfehlen. Das haben auch die Hockeyverbände erkannt und den Schutz ganz selbstverständlich in ihre „Sportbekleidung“ integriert. Wir wünschen uns natürlich, dass sich diese Einstellung bei immer mehr Sportarten durchsetzt, denn so könnte die Zahl der Zahnunfälle deutlich gemindert werden.