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Mein Zahn ist krank – ich auch

Gesunde und gepflegte Zähne sehen nicht nur schön aus, sie haben auch einen großen Einfluss auf unseren allgemeinen Gesundheitszustand. Es gilt das Sprichwort, an einem Zahn hängt ein ganzer Mensch. Die moderne Medizinforschung beschäftigt sich intensiv mit den Wechselwirkungen zwischen Allgemein- und Mundgesundheit. Prof. Dr. Peter Eickholz, Direktor der Poliklinik für Parodontologie an der Goethe-Universität in Frankfurt, berichtet im Gespräch mit proDente über das Zusammenspiel von Körper und Zähnen.

Herr Prof. Eickholz – Allgemeinerkrankungen wie Diabetes erhöhen das Risiko, an einer Parodontitis zu erkranken. Welche Möglichkeiten hat ein Diabetiker vorzubeugen?

Der Auslöser für Parodontitis sind bakterielle Zahnbeläge. Diabetes erhöht das Risiko, dass aus der plaqueinduzierten Gingivitis eine Parodontitis (eine Entzündung des Zahnhalteapparates) entstehen kann. Insofern kann ein Diabetiker durch effektive Plaquekontrolle vorbeugen. Das umfasst ganz konkret: eine sorgfältige individuelle Mundhygiene, die durch den Zahnarzt und sein Team trainiert werden kann, sowie regelmäßige Kontrollen und professionelle Zahnreinigungen beim Zahnarzt.

Herr Prof. Eickholz – Gibt es weitere verbreitete Allgemeinerkrankungen, die im Zusammenhang mit der Gesundheit der Zähne stehen könnten?

Zum einen können Allgemeinerkrankungen das Risiko erhöhen, an Parodontitis zu erkranken, und die Behandlungsmöglichkeiten verschlechtern. Andrerseits haben wir zunehmend Hinweise, dass eine bestehende Parodontitis das Risiko für Allgemeinerkrankungen erhöht. Eine unbehandelte Parodontalerkrankung mit tiefen Taschen stellt eine verborgene, aber manifeste große Wundfläche dar. An dieser Wundfläche können Bakterien und Entzündungsbotenstoffe aus der parodontalen Tasche in das Blutsystem übertreten und Einfluss auf den gesamten Körper nehmen. So können die Entzündungsbotenstoffe Reaktionen an den Blutgefäßen auslösen, die deren Elastizität verschlechtern. Diese Verschlechterung der Elastizität ist eine Vorstufe für Arteriosklerose. Damit ist nicht gesagt, dass Parodontitis Herzinfarkt verursacht, aber sie zählt genau wie Übergewicht, mangelnde Bewegung, ungesunde Ernährung und Bluthochdruck zu den Risikofaktoren.

Herr Prof. Eickholz – Wie ist es denn mit Schwangeren? Forscher haben ja einen Zusammenhang zwischen Zahnfleischerkrankungen und einem erhöhten Risiko von Frühgeburten nachgewiesen.

Der Zusammenhang zwischen Schwangerschaftskomplikation und Parodontitis ist der am wenigsten breit belegte. Er verdichtet sich aber immer mehr. Es liegen amerikanische Studien vor, die belegen, dass bei einer Parodontitis ein erhöhtes Risiko für Frühgeburten und Schwangerschaftskomplikationen besteht. Sie sind in bestimmten Bevölkerungsgruppen durchgeführt worden, in denen eine bestimmte Form, die aggressive Parodontitis, sehr ausgeprägt ist. Diese ist vor allen Dingen bei Menschen afrikanischer Herkunft weit verbreitet. Ähnliche Studien, die man hier in Deutschland durchgeführt hat, haben diesen Zusammenhang nicht reproduzieren können.

Insgesamt kann man sagen, dass sich die Erhöhung des Risikos für Schwangerschaftskomplikationen durch Parodontitis so um den Faktor zwei bewegt, es besteht also eine Verdoppelung des Risikos. Das ist schon nennenswert. Aber es betrifft eben auch nur bestimmte Gruppen. Es ist ja in der Literatur und in der Presse zum Teil berichtet worden, dass es ein siebenfach erhöhtes Risiko gibt, das trifft aber vor allen Dingen auf einzelne Gruppen zu, die wir in Deutschland so nicht haben. Das ist also nicht unser vorrangiges Problem. Ich denke, in Deutschland müssen wir uns im Wesentlichen mit Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen auseinandersetzen.