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Interview „Karies ohne Bohrer beseitigen?“

Der Bohrer beim Zahnarzt hat auch heute trotz zumeist schmerzfreier Behandlung seinen Schrecken noch nicht verloren. Allein das Geräusch lässt viele Patienten zusammenzucken. Prof. Dr. Ch. H. Splieth, Spezialist in den Bereichen Kariologie, Prävention und Kinderzahnheilkunde der Universität Greifswald, erläutert in einem Interview mit proDente mögliche Alternativen der Kariesbehandlung.

Welche Alternativen zur Kariesbehandlung mit dem Bohrer gibt es?

Seit einiger Zeit kann Karies auch mit einem speziellen Gel chemomechanisch aufgelöst und dann weggesprüht werden. Diese Methode kann das Bohren zur Kariesentfernung bei Milchzähnen und kleineren kariösen Stellen teilweise ersetzen.

Kariesentfernung mit Lasern oder das Versiegeln von Karies sind zurzeit noch im Experimentalstadium. Mit antibakteriellen Mitteln wie Chlorhexidin oder Ozon sowie einer besseren Plaqueentfernung und dem Einsatz von Fluoriden kann Karies inaktiviert, das heißt gestoppt werden. Das bereits zerstörte kariöse Gewebe wird dadurch jedoch nicht entfernt.

Wo werden die Methoden heute eingesetzt?

Gerade in der Kinderzahnheilkunde wird im Bereich alternativer Maßnahmen zum Entfernen von Karies viel geforscht. Die Angst vor dem Zahnarzt und die daraus resultierende geringe Kooperation der kleinen Patienten erschweren häufig eine „herkömmliche“ Behandlung. Auch sind die kariösen Stellen bei Milchzähnen meist offen zugänglich.

Welche der Techniken sind zu empfehlen?

Wie gesagt, die chemomechanische Kariesentfernung mithilfe eines speziellen Gels ist wissenschaftlich untersucht und wird bereits angewendet. Mit dem Gel wird Karies angelöst und dann mit Handinstrumenten entfernt. Diese Methode ist durch viele Labor- und Patientenstudien belegt.

Kann die klassische Kariesbehandlung durch den Hartmetall- oder Diamantbohrer ersetzt werden?

Die „klassische“ Kariesbehandlung besteht aus drei Teilen: Zuerst muss ein Zugang zum Defekt durch den zum Teil intakten Zahn geschaffen werden. Dann folgt die Vorbereitung der Füllungskontur mit gesunden, sauberen Rändern. Die ersten beiden Schritte werden üblicherweise mit Diamantschleifern vorgenommen und sind durch alternative Formen der Kariesentfernung nicht zu ersetzen. Nur der sogenannte „Rosenbohrer“ kann durch die chemomechanische Kariesentfernung überflüssig werden. Anstelle von Diamantschleifern können oszillierende Feilen benutzt werden, sodass man auch hier ohne „Bohrer“ auskommen kann.

Gibt es Risiken in den Behandlungsmethoden mit Gel, Ozon oder Laser?

Das Gel sollte ebenso wie der Laserstrahl nicht in die Augen des Patienten oder Zahnarztes gelangen. Ozon ist eigentlich giftig, aber nicht in den kleinen Mengen, die dentale Ozongeräte erzeugen und die auch nur bei Abschluss des Zahnes produziert werden.

Werden diese alternativen Behandlungen von der Krankenkasse übernommen?

Nein, der Patient muss hier mit zusätzlichen Kosten rechnen.

Was genau ist unter einer „schmerzarmen Behandlung“ zu verstehen?

Die Schmerzschwelle und der Wille, Schmerz zu tolerieren, sind bei jedem Patienten und häufig auch bei den verschiedenen Defekten unterschiedlich. Wenn an seinem Zahn gearbeitet wird, merkt der Patient das immer, und besonders Kinder, die das oft ängstigt, bezeichnen das schnell als Schmerz. Behandlungen, die die Mehrheit der Patienten ohne Schmerzausschaltung durch Lokalanästhesie erträgt, würde ich als schmerzarm ansehen. Dies gilt sicherlich für die chemomechanische Kariesentfernung mit Gel und Handinstrumenten.