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Interview „Das Symptom wird reduziert oder beseitigt“

In jedem dritten Haushalt wird geschnarcht. Meist sind es ältere Männer, zum Leidwesen der Ehefrauen. Nicht immer ist das Sägen, Prusten und Schnauben einfach nur lästig, manchmal ist es für die Betroffenen auch gefährlich. PD Dr. Dr. Edmund C. Rose, leitender Oberarzt der Abteilung für Kieferorthopädie des Universitätsklinikums Freiburg, informiert im Gespräch mit proDente über Ursachen und Wirkungen.

Etwa 30 Prozent der Bevölkerung schnarchen. Ist Schnarchen gefährlich für die Gesundheit?

Laute Atemgeräusche, leises und lautes Schnarchen gelten als sozial störend, aber nicht als Krankheiten auslösend. Schnarchen ist jedoch ein Leitsymptom der Schlafatmungsstörungen.

Woran erkennt man, ob man an einer erheblichen Schlafatmungsstörung, der sogenannten obstruktiven Schlafapnoe, leidet?

Wird der Schlaf durch Atmungsstörungen unterbrochen, treten kurze Aufwachreaktionen auf. Der Schlaf wird als nicht erholsam empfunden, es besteht Tagesmüdigkeit, außerdem leiden die Betroffenen an morgendlichen Kopfschmerzen. Eine genaue Diagnose kann jedoch erst nach einer ambulanten Schlafuntersuchung oder einer Untersuchung im Schlaflabor gestellt werden.

Kann man die Schlafapnoe selbst behandeln oder ihr vorbeugen?

Die Behandlungsempfehlung bzw. Strategie sollte unbedingt durch einen auf dem Gebiet der Schlafmedizin spezialisierten Arzt erfolgen. Diese ist abhängig von den Befunden der Schlafuntersuchung, dem Schweregrad der Befunde, der klinischen Symptomatik und eventuell bereits bestehenden Begleiterkrankungen. Es gibt aber auch Risikofaktoren für obstruktive Schlafatmungsstörungen, die der Patient eigenverantwortlich beeinflussen kann: das Körpergewicht und der abendliche Alkoholkonsum. Besonders ältere Männer sind hier gefordert.

Welche Therapiemöglichkeiten hat der Schlafmediziner?

Der „Golden Standard“ der Behandlung ist die Applikation eines Überdruckes, während man schläft. Der Überdruck wird von einem kleinen Kompressor erzeugt und über eine Maske in die Atemwege geleitet. Die Behandlung wird englisch als „Continuous Positive Airway Pressure (CPAP)“ bezeichnet.

Zu den Nicht-CPAP-Behandlungsverfahren zählen Protrusionsschienen, das Schlafpositionstraining, verschiedene operative Methoden und sonstige Maßnahmen, die mehr oder weniger wissenschaftlich untersucht sind. Wichtig für einen Therapieerfolg ist die kontinuierliche Anwendung.

Schlafmediziner und Kieferorthopäden arbeiten seit Langem Hand in Hand: Betroffene erhalten Unterkiefer-Protrusionsschienen, die nachts getragen werden. Wie funktionieren diese Schienen?

Der Wirkungsmechanismus ist einfach: Durch die Vorverlagerung des Unterkiefers und eine leichte Sperrung des Bisses werden die pharyngealen Luftwege erweitert und der Atemwegswiderstand reduziert. Hierdurch sinkt die Verschlussneigung der Atemwege im Schlaf.

Mittlerweile werden verschiedene Schienenkonstruktionen angeboten. Es handelt sich in der Regel um Zweischienensysteme, jeweils eine Schiene im Ober- und Unterkiefer, die über einen Protrusionsmechanismus miteinander verbunden werden. Andere Wirkungsmechanismen, die eine Manipulation des Gaumens, des Zäpfchens oder der Zunge postulieren, haben sich nicht etabliert. Auch Schienen, die über ein Training der Schlundmuskulatur arbeiten, sind unter wissenschaftlichen Kriterien noch nicht hinreichend untersucht.
Aufgrund der engen Platzverhältnisse im Mund sind individuell für den Patienten im zahntechnischen Labor hergestellte Apparaturen notwendig.

Sind die Schienen für alle Fälle von obstruktiver Schlafapnoe geeignet?

Protrusionsschienen sind bei gewohnheitsmäßigem Schnarchen und bei leichten Formen der obstruktiven Schlafapnoe mit nur geringer klinischer Symptomatik angezeigt. Bei mittelschwerer Schlafapnoe oder gar bei schwerer Schlafapnoe sind die Apparaturen nur in enger Abstimmung mit dem Schlaflabor anzuwenden. In Kontrolluntersuchungen des Schlafes ist die Effektivität der Behandlung sicherzustellen.

Garantieren die Schienen eine Besserung des Symptoms?

Das Symptom Schnarchen wird in der Regel wesentlich reduziert oder gar völlig beseitigt. Die Anzahl der obstruktiven Ereignisse wird nicht immer im vollen Umfang reduziert, so besteht die Gefahr, dass eine Protrusionsschiene die Symptome der Erkrankung kaschiert. Deshalb ist eine Kontrolluntersuchung mit der getragenen Schiene bei der Ausgangsdiagnose „obstruktive Schlafapnoe“ durchzuführen.

Verschiedene Faktoren haben einen wesentlichen Einfluss auf den Erfolg der Behandlung, hierzu zählen zum Beispiel ein gesunder Zahnzustand mit hinreichend gesunden Zähnen im Ober- und Unterkiefer zur Verankerung der Schienen und ein nicht zu hohes Körpergewicht.

Die Untersuchung der zahnärztlichen Voraussetzungen und ein fachkundiges Anpassen der Apparatur sind entscheidend für eine erfolgreiche Anwendung einer Protrusionsschiene zur Behandlung des Schnarchens und von obstruktiven Schlafstörungen.