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Warum die eigenen vier Wände nicht sicher sind

Häusliche Gewalt kommt in allen sozialen Schichten und in allen Altersklassen vor. Wer Gewalt gegen Familienangehörige ausübt, tut dies in der Regel nicht nur einmal. Meist steigern sich die Gewaltsausbrüche über Jahre hinweg. Die häufigsten Opfer sind Frauen.

Jede vierte Frau erlebt in ihrem Leben ein- oder mehrmals Gewalt. Die häufigste Folge sind Verletzungen an Kiefer und Gesicht. Oftmals sind Zahnärzte die einzigen Ärzte, die sie aufsuchen. Um den betroffenen Frauen zu helfen, haben verschiedene zahnärztliche Organisationen Aktionen zu ihrem Schutz ins Leben gerufen.

Kammern mit Aktionen

Verschiedene Zahnärztekammern haben Aktionen gegen häusliche Gewalt gestartet. Dabei rufen die Initiatoren Zahnärzte auf, bei fragwürdigen Verletzungen und widersprüchlichen Erklärungen genau hinzuschauen und dem Opfer neben der zahnmedizinischen Behandlung weitere Hilfen anzubieten. Dazu stellen die Zahnärztekammern den Zahnärzten einen speziellen Befundbogen zur Verfügung, mit dem sie die Spuren der häuslichen Gewalt genau dokumentieren können. Die Dokumentation kann noch Jahre später im Falle einer Anzeige als Beweis vor Gericht dienen.

Vertrauen schaffen

Über die spezifische Dokumentation der Verletzungen durch Gewalteinwirkung sollte der Zahnarzt aufklären und das Einverständnis des Pateinten einholen. Gegebenenfalls und insbesondere bei weiteren körperlichen Verletzungen ist auch eine Überweisung an ein gerichtsmedizinisches Institut sinnvoll. Viele der Gewaltopfer haben aber enorme Ängste, sich anderen Menschen anzuvertrauen. Andere dagegen hoffen, dass sie auf ihre Not angesprochen werden. Wie Zahnärzte sensibel und Vertrauen fördernd mit betroffenen Patienten umgehen und welche effektive Hilfestellung auch mit Hinweisen an zuständige Stellen sie geben können, ist bei speziellen Fortbildungen zu lernen, welche die Landeszahnärztekammern anbieten. Die Zahnärzte lernen bei den Seminaren auch, wie man Verletzungen durch häusliche Gewalt sicher erkennt. Im Unterschied zu Prellungen oder Verbrennungen heilen abgebrochene Zähne und Brüche im Kieferbereich nicht, wenn sie unbehandelt bleiben. Daher überwinden viele Gewaltopfer ihre Scham und suchen den Zahnarzt auf.

Zahnärzte mit Schlüsselrolle

Diesem kommt dann eine Schlüsselrolle zu, die er gezielt nutzen kann. So machen die Aktionen der Landeszahnärztekammern die Zahnärzte fit, die Patientin nicht nur medizinisch zu versorgen. Vielmehr geben sie Hilfestellungen, wie Zahnärzte behutsam ein offenes Gespräch einleiten können, wie der Dokumentationsbogen richtig ausgefüllt wird und geben dem Zahnarzt Adressen von Hilfsorganisationen an die Hand, die er an die Patientin weitergeben kann.