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Über die Zähne hinaus – Zahnärzte sehen mehr

Bei Zahnärzten ist nicht nur reines „Zahnwissen“ gefragt. Neben der Beurteilung der Mundgesundheit betrachten sie auch den Zustand des Patienten in seiner Gesamtheit. 

Der für die Schmerzen schuldige Zahn ist schnell gefunden, aber leider ist er nicht mehr zu retten. Eine Extraktion steht also an. Doch damit ist im Falle des 66-Jährigen noch längst  nicht alles getan.

Herr Meier nimmt viele Medikamente

Zunächst fragt der Zahnarzt Herrn Meier nach seinen allgemeinen Erkrankungen; zudem, ob er Medikamente regelmäßig einnehmen muss. So erfährt der Zahnmediziner, dass sein Patient neben einem Cholesterinsenker und Bluthochdrucktabletten zusätzlich blutverdünnende Medikamente von seinem Internisten verschrieben bekommt und auch einnimmt. Nach einem Herzinfarkt vor zwei Jahren sei das notwendig geworden. Außerdem leidet Herr Meier an Diabetes, was sein Hausarzt  mit Medikamenten und einer Ernährungsumstellung in den Griff bekommen will.

Der Zahnarzt kann auf jeden Fall den Zahn nicht umgehend ziehen. Grund: Die von Herrn Meier eingenommenen Blutverdünner könnten die Wunde so stark bluten lassen, dass dies unter Umständen nur schwer zu stoppen ist. Zunächst muss der Zahnarzt also Rücksprache mit dem behandelnden Internisten halten. Zu klären ist, ob Herr Meier seine Blutverdünner für ein paar Tage absetzen darf oder welches alternative Präparat  der Internist für den Zeitpunkt der Extraktion empfiehlt. Bis zur Klärung dieser Fragen bleibt der Zahn  im Mund, eine direkte Schmerzbehandlung soll erst einmal Linderung verschaffen.

Blutzucker und Parodontitis

Nach zwei Wochen sind nicht nur die Fragen geklärt, sondern Herr Meier hat einen Zahn weniger und eine bereits gut verheilte Wunde. Dabei wurde aber auch klar: Der schmerzende Zahn ist nicht das einzige Problem des Patienten. Ein parodontaler Screening-Test hat Verdachtsmomente auf eine fortgeschrittene Parodontitis (Zahnbettentzündung) ergeben. Ein schnell angefertigtes Röntgenbild bestätigt das. Herr Meier braucht nun eine umfassende Therapie, die viele Sitzungen und eine regelmäßige Betreuung erfordert. Der 66-Jährige kann das zunächst nicht nachvollziehen, schließlich spürt er keine Schmerzen mehr.

Sein Zahnarzt erklärt ihm, dass eine unbehandelte Parodontitis sein Risiko für einen erneuten Herzinfarkt und auch für Arteriosklerose steigen lässt. Außerdem hätten Studien ergeben, dass sein Diabetes ungünstig beeinflusst wird, wenn er nichts gegen die Parodontitis unternimmt. Wieder wird ein Gespräch mit Herrn Meiers behandelndem Internisten notwendig. Wie sind seine genauen Blutzuckerwerte? Ist etwa der Langzeitblutzuckerwert HbA1C schlecht, könnte eine Ursache dafür die Parodontitis sein. Nicht nur der Zahnarzt ist jetzt gefragt, auch der Internist sollte handeln und versuchen, gemeinsam mit seinem Patienten den Blutzuckerwert zu verbessern. Sonst wiederum hat die Behandlung der Parodontitis eine schlechte Prognose, da sich ein Diabetes und eine Parodontitis wechselseitig beeinflussen. Herr Meier jedenfalls ist schnell überzeugt, der Rentner stimmt einer Parodontitistherapie zu.

Herr Meier ist trotz oder gerade wegen des Aufwandes mit seinem Zahnarzt sehr zufrieden. Dieser hat nicht nur die Zahnschmerzen beseitigt, sondern auch seine allgemeine Gesundheit gut im Blick gehabt.