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Einflussreiche Kontakte im Mund

Leiden Sie regelmäßig unter Kopf-, Gesichts-, Nacken- und Rückenschmerzen? Eventuell beißen Ober- und Unterkiefer nicht richtig aufeinander. 

Man stelle sich hierzu den Kauapparat sowie Nacken- und Rückenbereich als ein flexibles Funktionssystem vor. Verändert der Mensch sein Bewegungsverhalten, sprich: tauscht er beispielsweise seinen Bürojob gegen den eines Gärtners aus, wird sich dieses System darauf einspielen, die neuen Bewegungen lernen und entsprechend beanspruchte Muskeln stärken, andere schwächen.

Das Kausystem

Im Kausystem, bestehend aus Kiefergelenken, Kaumuskulatur, peripherem und zentralem Nervensystem, Zähnen und Zahnfleisch, kommunizieren die einzelnen Komponenten ständig über das zentrale Nervensystem (ZNS) miteinander. Auf jede Abweichung von den im Gehirn abgespeicherten Normwerten wird mit einer vermehrten Aktivität der Kaumuskulatur reagiert. Dies führt zu sogenannten „Parafunktionen“ wie Knirschen, Pressen, Lippenbeißen, Zungenpressen und anderen, oft unbewussten Gewohnheiten. Die Folge: Belastung und Schäden an Muskel-, Gelenk- und Zahnstrukturen.

Bei etwa 70% der Menschen zeigen sich Frühsymptome für solche Funktionsstörungen im Bereich des Kausystems. Bedingt durch die hohen Muskelkräfte (70–140 kp), zeigen sich Schleifspuren auf Zahnhartsubstanz und Zahnersatz.

Zähne werden manchmal bis auf das Zahnfleisch abgetragen. Schmelzsprünge, Defekte im Zahnhalsbereich, überempfindliche Zahnhälse, Schmerzen des Zahnnervs, erhöhte Zahnbeweglichkeit und Zahnfleischschäden sind die Folge. Das muskuläre Gleichgewicht ist gestört und verursacht entsprechend ungleichmäßig ablaufende Öffnungs- und Seitwärtsbewegungen des Unterkiefers. Spätfolgen sind Kiefergelenkgeräusche und Bewegungseinschränkungen, Muskel-Kiefergelenk- und Nervenschmerzen, Kopf- und Gesichtsschmerzen.

Die großen Kräfte der Kiefermuskulatur

Trotz der großen Kräfte, die von der Kiefermuskulatur über die Zähne wirken, verfügen sie gleichzeitig über eine hohe Sensibilität, mit der sie ein Haar von 10 Mikrometern Stärke ertasten können. Der Japaner Kobayaski, Universität Tokio, zeigte anhand experimenteller Untersuchungen, dass Störungen im Bereich der Kauflächen der Zähne in einer Größenordnung von 0,1 mm zu Schlafstörungen, erhöhter Muskelaktivität, verstärkter Adrenalinausschüttung, erhöhtem Puls und Atemstillstand führen können. Andere aktuelle Untersuchungen an deutschen Universitäten (Greifswald, Berlin, Marburg) belegen Zusammenhänge zwischen Tinnitus und Hörsturz sowie neuromuskulärer Hyperaktivität, veränderter Kopfhaltung einhergehend mit Kaufunktionsstörungen. In vielen der untersuchten Fälle verschwanden die Symptome durch eine Korrektur der Okklusion, sprich: der Kontaktbeziehung zwischen den Zähnen.

Nervöse Anspannungen und Stress sowie durch den Beruf bedingte Körperfehlhaltungen kommen als zweiter Faktor hinzu, bevor die meist unterschwelligen, nicht bewussten Störungen für den Patienten zu einer unangenehmen Erkrankung werden.

Doch soll hier kein Schreckensszenario aufgebaut werden, denn die meisten fehlerhaften Kontaktbeziehungen zwischen den Zähnen bleiben ohne – erkennbare – Krankheitszeichen.

Dies spricht für die von Natur aus hohe Belastbarkeit dieses Bereiches. Doch wer die Zusammenhänge kennt, beobachtet sich selbst besser, holt zu einem früheren Zeitpunkt den Rat seines Zahnarztes ein.

Vor diesem Hintergrund ist auch nachvollziehbar, dass ein derart komplexes System und dessen Behandlung einen Spezialisten erfordert, der funktionsdiagnostisch und -therapeutisch ausgebildet ist und vor allem medizinisch denkt. Die Vernetzung mit Orthopäden, Physiotherapeuten, Neurologen, Hals-Nasen-Ohren-Ärzten, Psychotherapeuten sowie die Einbeziehung soziologischer Sachverhalte ist zum Erkennen der Erkrankungen der Patienten die Grundlage für kompetentes medizinisches Handeln.