Einflussreiche Kontakte im Mund - Wie stehen Ihre Zähne zueinander?
Leiden Sie regelmäßig unter Kopf-, Gesichts-, Nacken- und Rückenschmerzen? Abgesehen von ernsthaften Erkrankungen, wie Tumoren oder bakteriellen Entzündungen sehen klinische Untersuchungen in den Zähnen und ihrem Wirken einen möglichen ursächlichen Faktor für derartige Beschwerden. Warum?
Man stelle sich hierzu den Kauapparat sowie Nacken- und Rückenbereich als ein flexibles Funktionssystem vor. Verändert der Mensch sein Bewegungsverhalten, sprich: tauscht er beispielsweise seinen Bürojob gegen den eines Gärtners aus, wird sich dieses System darauf einspielen, die neuen Bewegungen lernen und entsprechend beanspruchte Muskeln stärken, andere schwächen.
Im Kausystem, bestehend aus Kiefergelenken, Kaumuskulatur Kaumuskulatur
Bezeichnet die Muskeln, die zur Unterkieferbewegung benötigt werden: Teile der Hals-, Nacken, Schulter-, Mundboden- und Gesichtsmuskulatur.
, peripherem und zentralen Nervensystem, Zähnen und Zahnfleisch Zahnfleisch
Siehe unter Gingiva.
, kommunizieren die einzelnen Komponenten ständig über das Zentrale Nervensystem (ZNS) miteinander. Auf jede Abweichung von den im Gehirn abgespeicherten Normwerten wird mit einer vermehrten Aktivität der Kaumuskulatur Kaumuskulatur
Bezeichnet die Muskeln, die zur Unterkieferbewegung benötigt werden: Teile der Hals-, Nacken, Schulter-, Mundboden- und Gesichtsmuskulatur.
reagiert. Dies führt zu so genannten „Parafunktionen“ wie Knirschen Knirschen
Unbewusstes Reiben der Kauflächen der Oberkieferzähne gegen die Kauflächen der Unterkieferzähnen teilweise mit starkem Druck; in der Regel nachts beim Schlafen, stressbedingt. Folgen können Abnutzungserscheinungen an der Zahnhartsubstanz, Schäden am Zahnhalteapparat sowie Muskel- und Kiefergelenkschmerzen sein. Die Behandlung erfolgt symptomatisch mit einer Knirscherschiene.
, Pressen, Lippenbeißen, Zungenpressen und anderen, oft unbewussten, Gewohnheiten. Die Folge: Belastung und Schäden an Muskel-, Gelenk- und Zahnstrukturen.
Bei etwa 70% der Menschen zeigen sich Frühsymptome für solche Funktionsstörungen im Bereich des Kausystems. Bedingt durch die hohen Muskelkräfte (70 – 140 kp), zeigen sich Schleifspuren auf Zahnhartsubstanz und Zahnersatz Zahnersatz
Alle Formen zum Ersatz von Zahnteilen (z.B. Teilkrone), von verlorengegangenen Zähnen (z.B. Brücke) und/oder von Kieferanteilen (z.B. Totalprothese) aus künstlichen Materialien. Man unterscheidet festsitzenden (Kronen, Brücken) von herausnehmbarem Zahnersatz (Teilprothesen, Totalprothesen) sowie eine Kombination beider Formen.
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Zähne werden manchmal bis auf das Zahnfleisch Zahnfleisch
Siehe unter Gingiva.
abgetragen. Schmelzsprünge, Defekte im Zahnhalsbereich, überempfindliche Zahnhälse, Schmerzen des Zahnnervs, erhöhte Zahnbeweglichkeit und Zahnfleischschäden sind die Folge. Das muskuläre Gleichgewicht ist gestört und verursacht entsprechend ungleichmäßig ablaufende Öffnungs- und Seitwärtsbewegungen des Unterkiefers. Spätfolgen sind Kiefergelenkgeräusche und Bewegungseinschränkungen, Muskel-Kiefergelenk- Muskel-Kiefergelenk-
Vielseitigstes Körpergelenk, da es sowohl Dreh- als auch Gleitbewegungen ausführen kann. Es befindet sich vor dem Ohr und besteht aus einem Kiefergelenkköpfchen (Gelenkfortsatz des Unterkiefers) und einer Kiefergelenkpfanne an der Schädelbasis. Dazwischen befindet sich eine Faserknorpelscheibe.
und Nervenschmerzen, Kopf- und Gesichtsschmerzen.
Trotz der großen Kräfte, die von der Kiefermuskulatur über die Zähne wirken, verfügen sie gleichzeitig über eine hohe Sensibilität, mit der sie ein Haar von 10 Mikrometer Stärke ertasten können. Der Japaner Kobayaski, Universität Tokyo, zeigte anhand experimenteller Untersuchungen, dass Störungen im Bereich der Kauflächen der Zähne in einer Größenordnung von 0,1 mm zu Schlafstörungen, erhöhter Muskelaktivität, verstärkter Adrenalinausschüttung, erhöhtem Puls und zu Atemstillstand führen können. Andere aktuelle Untersuchungen an deutschen Universitäten (Greifswald, Berlin, Marburg) belegen Zusammenhänge zwischen Tinitus und Hörsturz sowie neuromuskulärer Hyperaktivität, veränderter Kopfhaltung einhergehend mit Kaufunktionsstörungen. In vielen der untersuchten Fälle verschwanden die Symptome durch eine Korrektur der Okklusion Okklusion
Damit ist jeder Kontakt zwischen den Zähnen des Ober- und Unterkiefers gemeint.
, sprich: der Kontaktbeziehung zwischen den Zähnen.
Nervöse Anspannungen und Stress sowie durch den Beruf bedingte Körperfehlhaltungen kommen als zweiter Faktor hinzu, bevor die meist unterschwelligen, nicht bewussten Störungen für den Patienten zu einer unangenehmen Erkrankung werden.
Doch soll hier kein Schreckensszenario aufgebaut werden, denn die meisten fehlerhaften Kontaktbeziehungen zwischen den Zähnen bleiben ohne – erkennbare – Krankheitszeichen.
Dies spricht für die von Natur aus hohe Belastbarkeit dieses Bereiches. Doch wer die Zusammenhänge kennt, beobachtet sich selbst besser, holt zu einem früheren Zeitpunkt den Rat seines Zahnarztes ein.
Vor diesem Hintergrund ist auch nachvollziehbar, dass ein derart komplexes System und dessen Behandlung einen Spezialisten erfordert, der funktionsdiagnostisch und -therapeutisch ausgebildet ist und vor allem medizinisch denkt. Die Vernetzung mit Orthopäden, Physiotherapeuten, Neurologen, Hals-Nasen-Ohren-Ärzten, Psychotherapeuten sowie die Einbeziehung soziologischer Sachverhalte ist zum Erkennen der Erkrankungen der Patienten die Grundlage für kompetentes medizinisches Handeln.
