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Interview „Die Angst bleibt nach Hypnose bestehen“

Vielen Patienten gilt die Hypnose als letzter Ausweg. Doch Zahnärzte, die eine entsprechende Zusatzausbildung besitzen, sind rar. Ein weiterer Nachteil: Trotz einer Behandlung mithilfe der Hypnose bleibt die Angst bestehen. André Wannemüller, Diplom-Psychologe von der Bergischen Universität Wuppertal, im Interview mit proDente über Therapieformen zur Behandlung der Zahnbehandlungsangst/Zahnarztphobie.

Was genau passiert bei einer Hypnosebehandlung?

Das Ziel einer zahnärztlichen Hypnosebehandlung ist es, sich während der Behandlung zu entspannen und Reize – zum Beispiel Schmerz – auszublenden. Dies geschieht zumeist, indem der Patient sich intensiv konzentriert. Die Persönlichkeit des Patienten, die Qualität der Hypnose und die allgemeine Situation bestimmen dann, ob ein hypnotischer Zustand erreicht wird und wie tief die Hypnose ist. Während ein leichtes Stadium einem wohltuenden Entspannungszustand gleichkommt, können tiefe Trancezustände so weit gehen, dass extrem schmerzhafte Behandlungen, die einer Narkose bedürfen, vom Patienten unter Hypnose als komplett schmerzfrei erlebt werden.

Patienten sind aber nicht unbedingt auf eine zweite Person angewiesen?

Genau. Bei der Selbsthypnose gibt sich der Patient selbstständig Instruktionen und gleitet dabei in eine für ihn entspannende Szene ab. Bei der Fremdhypnose übernimmt ein darin ausgebildeter Zahnarzt die sogenannte Hypnoseinduktion. Dazu stehen verschiedenste Techniken zur Verfügung. Man kann beispielsweise den Blick auf ein bestimmtes Ziel richten. Hypnotherapeutische Techniken schalten Schmerzen  und Reflexe – zum Beispiel hinsichtlich des Würgens – erfolgreich aus und machen in vielen Fällen Patienten behandlungsfähig, die sich sonst der zahnärztlichen Behandlung verweigern. Es gibt aber bislang keinen Beweis, dass sie langfristig Angst abbauen.

Wer darf eine Hypnosebehandlung durchführen?

Die zahnärztliche Hypnose ist eine wissenschaftlich fundierte Anwendung und keine Showhypnose wie auf Jahrmärkten. Sie dient der Diagnose, Heilung oder Linderung von Krankheiten. Eine Heilerlaubnis oder staatliche Approbation, wie sie Ärzte, Zahnärzte, Heilpraktiker und psychologische Psychotherapeuten besitzen, sind die einzigen zulässigen Qualifikationen, die zur Anwendung der Hypnose berechtigen. Besitzt ein Zahnarzt das Zertifikat der Deutschen Gesellschaft für Zahnärztliche Hypnose (DGZH) kann der Patient sicher sein, dass der Zahnarzt eine Zusatzqualifikation in diesem Bereich erworben hat.
Zum Erwerb von Grundkenntnissen im Bereich der Psychologie und Psychosomatik bietet der Arbeitskreis Psychologie und Psychosomatik in der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde ein auf zahnärztliche Bedürfnisse zugeschnittenes Curriculum „Psychosomatische Grundkompetenz“ mit Fortbildungsveranstaltungen an. Der Erwerb beider Zusatzqualifikationen ist kostenpflichtig.

Wann ist eine zusätzliche psychologische Betreuung sinnvoll?

Man unterscheidet zwischen der Zahnbehandlungsangst, die ca. 80 Prozent der Bevölkerung in Industrieländern betrifft, und der Zahnbehandlungsphobie, von der ca. 10 Prozent dieser Personen betroffen sind. Im ersten Fall haben Patienten ängstliche Gedanken und Skepsis gegenüber anstehenden Behandlungen. Letztlich besuchen die Betroffenen aber einen Zahnarzt. Therapiebedürftig werden Patienten, die jahrelang keine Zahnarztpraxis aufsuchen. In einigen Fällen vermeiden Patienten auch dann die Behandlung, wenn akute Schmerzen auftreten. Unbehandelte Schmerzen und langfristige Zahnschäden ergeben dann oft sichtbare kosmetische Defizite. Sie beeinträchtigen das Selbstbild und die sozialen Interaktionen – also das Privat- und Berufsleben. Außerdem steigt das Risiko einer Störung des Herz- und Gefäßsystems und des Verdauungstraktes, also von Mund, Speiseröhre, Magen, Dünndarm und Dickdarm. Bei einer psychotherapeutisch relevanten Zahnbehandlungsphobie handelt es sich also um weit mehr als furchtsame Gedanken im Behandlungszimmer. Anhaltendes Vermeidungsverhalten und Einschränkungen im Alltag, die sich aufgrund der Furcht vor der Zahnbehandlung ergeben und für die Betroffenen oftmals mit großem Leidensdruck einhergehen, sind sichere Indikatoren dafür, dass eine psychotherapeutische Behandlung angeraten ist.

Muss das Angebot für Phobiker ausgebaut werden?

Die Behandlung ängstlicher und phobischer Patienten erwies sich in einer Befragung von Zahnärzten als Hauptbelastungsfaktor in der Praxisroutine. Es steht deshalb zu hoffen, dass Angebote zur Erweiterung des Wissens über psychopathologische Störungen, die mit Angst und Panik in der Zahnbehandlungssituation einhergehen, und Möglichkeiten zu deren Behandlung noch deutlich stärker in die zahnärztliche Aus- und Weiterbildung integriert werden. Damit wäre sicherlich nicht nur den Patienten geholfen.