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Interview „Angst kann abgebaut oder beherrscht werden“

André Wannemüller, Diplom-Psychologe von der Bergischen Universität Wuppertal, im Interview mit proDente über Therapieformen zur Behandlung der Zahnbehandlungsangst/Zahnarztphobie.

Herr Wannemüller, wodurch kann eine Zahnbehandlungsphobie ausgelöst werden?

Die häufigste Ursache für die Entstehung einer Zahnbehandlungsphobie sind schlechte Erfahrungen im Zusammenhang mit einer Zahnbehandlung, die zumeist in jungen Jahren, aber auch in anderen Lebensphasen von den Betroffenen gemacht wurden. Dabei handelt es sich meist um sehr schmerzhafte Behandlungen, bei denen die Patienten aus ihrer Sicht keine Kontrolle über die Abläufe mehr hatten. Für die Entwicklung einer Phobie reicht ein Konditionierungsereignis allein jedoch nicht aus. Erst wenn anschließend weitere Behandlungen vermieden werden und somit keine korrigierenden Erfahrungen im Behandlungsstuhl erfolgen, wird die Störung manifestiert.

Manchmal fürchten sich Patienten, obwohl sie noch nie schlechte Erfahrungen in dieser Situation gemacht haben. Bei vielen dieser Personen wurde die Phobie durch ein Modell „erlernt“. Zum Beispiel wenn ein Elternteil sich vor der Behandlung fürchtete und sie deshalb Angst um die betreffende Person hatten. Die Patienten entwickeln dann stellvertretend eine Furcht vor der zahnärztlichen Situation.

„Ein Leben lang gespeichert“

Eine einmal zwischen Situation und Furcht hergestellte Verbindung bleibt in den dafür zuständigen Hirnstrukturen das ganze Leben lang gespeichert. Besagte Bereiche des Gehirns funktionieren schon in sehr früher Kindheit zuverlässig. Die Furcht vor dem Zahnarzt wird abgespeichert, ohne dass wir uns bewusst daran erinnern können, da die hierfür erforderlichen Hirnareale zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht weit genug entwickelt waren.

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es, um die Zahnbehandlungsangst „in den Griff zu bekommen“?

Zunächst sollte geklärt werden, was unter „in den Griff bekommen“ zu verstehen ist. Geht es darum, für die Dauer der Zahnbehandlung kurzfristig behandlungsfähig zu sein oder soll ein langfristiger und anhaltender Angstabbau erzielt werden?

Ist die Angst so stark ausgeprägt, dass eine notwendige und unmittelbar anstehende Behandlung nicht durchgeführt werden kann? Dann stellen Vollnarkose, die Einnahme von Beruhigungsmitteln (Tranquilizer), Akupunktur, Elektrostimulationen (TENS) oder Hypnose oftmals den letzten Ausweg dar und werden von den Patienten zumeist als große Entlastung empfunden. Der Nachteil: Bei diesen Methoden bleibt die Angst bestehen, denn der Patient macht nicht die Erfahrung, dass er seine Furcht auch ohne Hilfsmittel beherrschen kann. Zudem kommt es zu einer Abhängigkeit des Patienten vom jeweiligen Verfahren.

„Mit der Angst konfrontieren“

Soll Angst langfristig abgebaut werden, muss der Patient während der Zahnbehandlung einen Rückgang seiner Furcht erleben und neue Erfahrungen sammeln, durch die er seine Befürchtungen korrigieren kann.
Der Patient wird der Behandlungssituation so lange ausgesetzt oder zum Beispiel mit dem Bohrer konfrontiert, bis seine Furcht auf allen Ebenen – besonders seine körperlichen Symptome – spürbar abnimmt. Man kann sich diese Behandlung am ehesten als einfache Erschöpfungsreaktion vorstellen. Angst kostet Kraft und ist damit wie alle kraftzehrenden Aktivitäten nur begrenzt produzierbar. Das wissen die meisten Angstpatienten aber nicht. Sie befürchten, dass ihre Angst so stark wird, dass sie ihnen schwer schadet bis hin zur Vorstellung, daran zu sterben. Erleben sie in der manchmal auch mehrstündigen Therapiesitzung den Punkt, an dem ihre Furcht zurückgeht, ohne dass sie aus der Situation flüchten, ist der größte therapeutische Schritt zum Abbau der Furcht getan.

Die Patienten machen dann oftmals die überraschende Erfahrung, dass ihre Befürchtungen nicht eingetroffen sind. So wird die Verbindung zwischen Zahnbehandlung und Angst gelöst, und neue Assoziationen werden entwickelt. Untersuchungen zeigen eine Wirksamkeit von 70–80 Prozent bei Phobiepatienten.

„Strategien, Angst zu beherrschen“

Ähnlich erfolgreich sind sogenannte Coping-Verfahren. Dabei werden den Patienten Strategien vermittelt, die sie bei ersten Anzeichen aufkommender Angst einsetzen sollen, um ihre Furchtreaktion einzudämmen. Zum einen handelt es sich hier um Entspannungs- oder Atemtechniken, die bei einsetzender Erregung angewandt werden. Dadurch fallen die körperlichen Symptome weniger intensiv aus. Zum anderen kann der Patient erlernen, seine Angstreaktionen zu kontrollieren.

Die Entspannungstechniken werden durch geschulte Denkvorgänge ergänzt. Sobald der Patient typische Angstgedanken bemerkt, ruft er sich ganz bewusst zuvor erlernte Gedanken ins Bewusstsein. Sie beinhalten entweder Argumente für die positive Bewältigung der Zahnbehandlung:

  •  „Ich kann jederzeit eine Pause machen“,
  •  „Schmerzen während Zahnbehandlungen sind die Ausnahme und nicht die Regel“,

oder sie thematisieren positive Konsequenzen einer gelungenen Zahnbehandlung:

  •  „Wenn ich das hier hinter mir habe, werde ich zum ersten Mal wieder schmerzfrei einen Apfel essen.“

Wirksamkeitsstudien zu beiden angesprochenen Verfahren konnten nachweisen, dass 70 Prozent der Patienten bereits nach drei bis fünf Sitzungen in der Lage waren, wieder eine Zahnbehandlung auf einem subjektiv niedrigen oder mittleren Angstniveau durchführen zu lassen.