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Interview „Angst entsteht schon im Kindesalter“

Dass der Angstauslöser „Schmerz“ sich heute durch eine umsichtige Behandlungsweise vermeiden lässt, erläutert der Leiter der Zahnärztlichen Angst-Ambulanz in Hamburg Dr. Mats Mehrstedt im Interview mit proDente.

Wie viele Menschen haben Angst vor dem Zahnarzt?

Das ist schwer zu sagen. Nach einer Untersuchung haben etwa zehn Prozent aller Menschen, die im Wartezimmer sitzen, eine regelrechte therapiebedürftige Phobie vor der zahnärztlichen Behandlung. Geht man davon aus, dass diese Menschen nur zum Zahnarzt gehen, wenn sie es vor Schmerzen nicht mehr aushalten, ist die Dunkelziffer sicher noch viel höher.

Woher kommen solche Ängste?

Oft haben die Patienten schlechte Erfahrungen beim Zahnarzt gemacht: Der Arzt hat sie zum Beispiel grob behandelt, nicht ernst genommen oder nicht ausreichend für eine schmerzfreie Behandlung gesorgt. So darf beispielsweise ein Zahn nicht behandelt werden, wenn er entzündet ist und man ihn nicht betäuben kann. Dann muss erst dafür gesorgt werden, dass die Entzündung abklingt. Meist entstehen die Ängste schon im Kindesalter, deshalb ist ein behutsamer Umgang des Zahnarztes mit Kindern besonders wichtig. Sonst kommen diese Kinder vor lauter Angst möglicherweise gar nicht mehr in die Praxis.

Sind manche Personengruppen anfälliger für Phobien als andere?

Untersuchungen zeigen, dass Frauen eher betroffen sind als Männer, sozial Schwache eher als Wohlhabende, Jüngere eher als Ältere. Außerdem gibt es Zahnbehandlungsphobien eher bei Menschen, die ohnehin zu psychischen Problemen neigen und auch unter anderen Ängsten leiden.

Wie können Zahnärzte diese Ängste abbauen?

Neben Fortbildungen zum Umgang mit Angstpatienten muss jeder Zahnarzt seine Patienten vor allem ernst nehmen. Er muss zuhören und konkret nach Ängsten fragen. Der Patient sollte gründlich über die Behandlung aufgeklärt werden und sich selbst dafür entscheiden. Wichtig ist auch, dass der Zahnarzt immer schmerzfrei arbeitet. Denn jede zahnärztliche Behandlung ist ohne Schmerzen möglich.

Wie gehen Sie in der Angst-Ambulanz mit phobischen Patienten um?

Ich führe zuerst einmal ein Gespräch, in dem ich mit dem Patienten über seine Angst rede. Für viele Menschen ist es wichtig zu erkennen, dass ihre Angst nichts Ungewöhnliches ist und andere auch betroffen sind. In einer zweiten Sitzung kann man beispielsweise das Gebiss nur untersuchen. Beim dritten Mal könnte eine Röntgenuntersuchung stattfinden oder das Entfernen von Zahnstein. Dann erst kommt es bei einem weiteren Termin zur ersten richtigen Behandlung. Wichtig ist, dass der Patient von Mal zu Mal mehr Vertrauen fasst und kleine Erfolgserlebnisse auf dem Zahnarztstuhl sammelt.