Navigation

Kokastrauch Vorläufer moderner Betäubung

Viele bekannte Persönlichkeiten aus der Geschichte haben unter Zahnschmerzen gelitten. Schon die Pharaonen waren betroffen, wie Untersuchungen an Mumien gezeigt haben. Weitere berühmte Beispiele sind Johann Wolfgang von Goethe und George Washington. Vieles wäre Ihnen erspart geblieben, hätte es damals schon die Möglichkeit einer lokalen Schmerzausschaltung bei Zahnbehandlungen gegeben. Doch der Durchbruch gelang erst 1884.

Kokain war der erste Wirkstoff, den man zur örtlichen Betäubung in der Zahnheilkunde eingesetzt hat. Es entstammte ursprünglich dem in Südamerika beheimateten Kokastrauch. Schon den spanischen Eroberern fielen dessen vielfältige Wirkungen auf – kauten doch die Einheimischen Kokablätter zur Überwindung von Hunger, Kälte und Müdigkeit. Ein Nebeneffekt: Beim Kauen stumpfte das Gefühl in der Zunge Zunge
Auch Lingua oder Glossa; von Schleimhaut überzogener beweglicher Muskelkörper mit vielseitigen, unterschiedlichen Funktionen: ist ein Tastorgan, durch ihre Muskelkraft entscheidend am Herunterschlucken der Nahrung beteiligt, wichtig für den Saugakt und die Sprache und ein vielfältiges Geschmacksorgan. Sie ist in die Zungenspitze, den Zungenkörper und den Zungengrund oder -wurzel unterteilt und beim gesunden Menschen von einer blassroten Farbe. Ihre Schleimhaut besitzt zahlreiche Drüsen und trägt fadenförmige Papillen (Erhabenheiten der Schleimhaut), wobei die beiden letzteren Träger von Geschmacksknospen sind. Diese Papillen bieten jeder Art von Bakterien eine ideale Lebensgrundlage (warm, feucht und nahrhaft). Durch mechanischen Druck und Reiben der Zunge am Gaumen und an den Zähnen beim Sprechen und Kauen werden die vorderen zwei Drittel und ein Großteil der Seitenränder ständig "natürlich" gereinigt, das aus den Drüsen austretende Sekret optimiert diesen Prozess.
ab.

Erste schmerzfreie Operation unter lokaler Betäubung

Nach vielen (Selbst-)versuchen von unterschiedlichen Persönlich-keiten aus der Medizinhistorie – darunter auch Siegmund Freud – führte der Augenarzt Carl Koller im Jahre 1884 eine erste Operation am Auge unter lokaler Betäubung durch. Er verwendete dazu 10 bis 20-prozentige Kokainlösung, die er auf das Auge seines Patienten träufelte, und erreichte eine völlige Schmerzfreiheit. Koller verwendete das Kokain also im Sinne einer Oberflächenanästhesie Oberflächenanästhesie
Ausschalten der oberflächlichen Sensibilität der Haut- / Schleimhaut durch Einpinseln oder Aufsprayen eines Oberflächenanästhetikums. Wird bei ängstlichen Patienten und Kindern vor der Lokalanästhesie angewendet, damit der Einstich der Spritze weniger stark spürbar ist.
, die von selbst in das Auge eindrang. Verschiedene Zahnärzte injizierten danach Kokainlösungen mit Spritzen in das Zahnfleisch Zahnfleisch
Siehe unter Gingiva.
und in offene Zähne.

Betäubung einer Nervenbahn

William Stewart Halsted (1852-1922) war amerikanischer Chirurg und verabreichte sich ebenfalls im Selbstversuch Kokain-Injektionen zur Erprobung der Lokalanästhesie Lokalanästhesie
Örtliche Betäubung zur Ausschaltung sensibler Nerven (Schmerzausschaltung) eines bestimmten Körpergebietes vor operativen Eingriffen und/oder bei starken Schmerzen. Nur geringe Beeinflussung des Zentralennervensystems. Je nach Art und Technik unterscheidet man die Infiltrationsanästhesie, die Leitungsanästhesie und die Oberflächenanästhesie. Die pharmakologischen Substanzen zur Lokalanästhesie wirken chemisch auf die Leitfähigkeit der Nervenströme.
. Er spritzte die Kokainlösung als erster direkt in die Nähe des Unterkiefernerves und betäubte so die gesamte „Leitungsbahn“. Die Leitungsanästhesie Leitungsanästhesie
Örtliche Betäubung, bei der der Nerv an seinem Stamm mit Anästhetikum umspritzt wird, so dass die weiterführenden Nerven und das entsprechende Versorgungsgebiet betäubt sind. Im Gegensatz zur >>Infiltrationsanästhesie.
war erfunden und etablierte sich in der Folge. Heute wird sie in jeder Zahnarztpraxis zur Betäubung der Unterkieferzähne eingesetzt – natürlich nicht mehr mit Kokain.

Schmerzfreie Behandlungen dank moderner Wirkstoffe

Da Kokain bekanntermaßen abhängig macht, musste ein anderer Wirkstoff her. Zudem waren die hohen Konzentrationen mit toxischen Nebenwirkungen verbunden. Anfang des 20. Jahrhunderts war es soweit. Der Wirkstoff Procain kam 1905 auf den Markt. Es war dem Kokain chemisch ähnlich allerdings ohne dessen Nebenwirkungen hervorzurufen. Zudem kombinierte man den Wirkstoff jetzt mit Adrenalin Adrenalin
Hormon des Nebennierenmarkes. Wird bei Stress ausgeschüttet. Es reguliert unter anderem den Blutfluss des Körpers (erhöht den Blutdruck, die Herzfrequenz und Herzkraft) und die Speichelsekretion.
. Das Adrenalin Adrenalin
Hormon des Nebennierenmarkes. Wird bei Stress ausgeschüttet. Es reguliert unter anderem den Blutfluss des Körpers (erhöht den Blutdruck, die Herzfrequenz und Herzkraft) und die Speichelsekretion.
hielt die Betäubung über einen längeren Zeitraum an der gewünschten Stelle. Ohne diesen Zusatz verflog die Wirkung allzu rasch und der Zahnarzt musste ständig von dem Medikament nachspritzen. Das wiederum rief irgendwann starke Nebenwirkungen bis hin zu Vergiftungserscheinungen hervor.

Gezielte Betäubung in der Zahnheilkunde heute

Bis heute ist die lokale Betäubung immer weiter entwickelt worden. Adrenalin Adrenalin
Hormon des Nebennierenmarkes. Wird bei Stress ausgeschüttet. Es reguliert unter anderem den Blutfluss des Körpers (erhöht den Blutdruck, die Herzfrequenz und Herzkraft) und die Speichelsekretion.
oder andere gefäßverengende Zusätze, die den Wirkstoff eine Zeit lang an Ort und Stelle halten, werden auch heute noch verwendet. Für alle potentiell schmerzhaften Zahnbehandlungen stehen wirksame Betäubungen, Fachleute sprechen von lokalen Anästhesien, zur Verfügung. Sie können je nach Art und Umfang des Eingriffs genau dosiert werden und gelten nach über 120 Jahren Erfahrung als sehr wirksam und sicher.