Interview "Den nächtlichen Kauftrag erledigen"

Stress kann zu knirschen führen

Wer nachts unbewusst mit den Zähnen knirscht und beißt, kann seinem Gebiss auf Dauer großen Schaden zufügen: Nicht nur der Schlaf wird gestört, auch Zahnschäden und Spannungs-
schmerzen in Kopf, Kiefer und sogar Tinnitus können die Folge sein. Diplompsychologe Hans-Peter Kuhl weiß, wie Zähneknirschen entsteht – und wann man etwas dagegen unternehmen muss. Kuhl hat sich mit einer eigenen Praxis in der Haranni-Clinic Herne niedergelassen. Dort  werden interdisziplinär die unterschiedlichsten Krankheiten des Schlafens behandelt.


Was sind die Ursachen für nächtliches Zähneknirschen?

Die Ursachen liegen immer im Innern des Menschen und können vielschichtiger Natur sein. Stress, unbewältigte Probleme oder auch Gewalterfahrungen können sich hinter Bruxismus verbergen. Im Schlaf werden diese Probleme immer wieder „durchgekaut“.

Sind bestimmte Personengruppen häufiger von Bruxismus betroffen?

Ich würde nicht unterscheiden zwischen Frauen und Männern oder Jung und Alt. Generell sind die Betroffenen oft Menschen, die eine unverarbeitete Situation mit sich herumschleppen, das Erlebte „nicht rauslassen“ können und deshalb den Druck gegen sich selbst richten. Einer meiner Patienten sprach einmal davon, er müsse einen nächtlichen „Kauauftrag“ erledigen. Bezeichnenderweise ist der Kiefernmuskel ja derjenige im Körper, mit dem man den stärksten Druck ausüben kann. Durch dieses Zusammenbeißen wird sehr viel Macht und Gewalt ausgeübt – und gegen den eigenen Körper gerichtet. So schädigt man sich gleich doppelt.

Sind „Knirscher“ langfristig von ihrem Leiden betroffen oder ist Bruxismus ein vorübergehendes Phänomen, das mit dem Ende der Stressphase auch wieder aufhört?

Das ist ganz unterschiedlich. Manchmal hört das Zähneknirschen von allein wieder auf, manchmal hält es jahrelang an. Oft stecken ja langfristige Geschichten mit heftigen Erfahrungen dahinter. Auch Stress kommt ja von innen, ist oft durch Erfahrungen in der Lebensgeschichte bedingt. Dann muss man den Ursachen auf den Grund gehen und nach den zumeist traumatischen Erfahrungen suchen, die diese Stressmuster ausgelöst haben.

Wie gehen Sie bei einer solchen Behandlung vor?

Jeder Patient hat eine eigene Geschichte und muss auch individuell behandelt werden. Vielen hilft ein gezieltes Stressmanagement. Bei einigen ist eine maßgeschneiderte Therapie erforderlich. Oft wird auch mit Hypnose gearbeitet, da es wichtig ist, unterschwellig die Aufmerksamkeit des Patienten auf die Ursachen zu lenken.

Bruxismus ist in der Öffentlichkeit relativ unbekannt. Dennoch geht man davon aus, dass bereits jeder 20. betroffen ist. Können Sie diese Zahlen bestätigen?
Ich denke, dass es viel mehr sind. Meiner Ansicht nach ist jeder zweite Mensch zu „verbissen“. Man kann das ganz leicht an sich selbst testen und mit dem Zeigefinger in den Kaumuskel drücken. Wenn es weh tut, ist das ein Zeichen für eine Verspannung. Doch deshalb ist nicht jeder gleich behandlungsbedürftig. Oft muss man einfach nur abwarten, dass wieder ruhigere Zeiten einkehren.

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