Interview „Ohne beschleifen in einer Sitzung“

Lächeln nach einer Sitzung

Viele Menschen scheuen einen zahnmedizinischen Eingriff, obwohl Sie die Schäden an ihren sichtbaren Zähnen schon seit Jahren als äußerst störend empfinden. Doch neue Behandlungsformen in der ästhetischen Zahnmedizin lassen jetzt hoffen. proDente sprach mit  Prof. Dr. Bernd Klaiber, Universität Würzburg, einem Experten für minimal- und noninvasive Maßnahmen in der Zahnmedizin über die Möglichkeiten der ästhetischen Zahnmedizin.

In der modernen Zahnmedizin werden Schäden an sichtbaren Zähnen auch ohne Beschleifen der Zahnhartsubstanz ästhetisch behandelt. In welchen Fällen ist eine solche Versorgung möglich?

Die durch Karies oder Unfall entstandenen Defekte an den Frontzähnen lassen sich mit Kompositen sehr gut restaurieren. Im Gegensatz zu Situation vor etwa 30 Jahren muss bei solchen Reparaturen fast keine gesunde Zahnsubstanz mehr abgeschliffen werden, weil sich das eingebrachte Füllungsmaterial  dank  moderner Adhäsivtechnik mikromechanisch mit dem Zahn verbindet. Wenn nach einem Unfall das abgebrochene Zahnfragment noch vorhanden ist,  kann dieses  sogar mit gutem Langzeiterfolg   wieder ’angeklebt’ werden.

"Veränderung der Zahnform"

Neben diesen beiden häufigsten Anwendungen, bei denen die ursprüngliche Zahnform wiederhergestellt wird, gibt es aber noch viele Situationen, in denen sich ohne Beschleifen (nonivasiv) oder nur mit geringen Beschleifen (minimalivasiv)  das Erscheinungsbild der Frontzähne ganz erheblich verbessern lässt.  Zu diesen Maßnahmen gehören u.a. die  Veränderungen der  Zahnform und das Aufhellen der Zähne durch Bleichen.

"Ohne Beschleifen die Lücke schließen"

Als fast schon klassisches Beispiel für ästhetische Korrekturen lässt der Lückenschluss im Frontzahnbereich anführen. Wenn zwei benachbarte Zähne keinen Kontakt haben, so wirken die dadurch entstandenen Lücken als Dunkelräume, die in der Regel  als weniger schön empfunden werden. Bestehen mehrere Lücken und sind diese gar ungleichmäßig  verteilt, dann ist das  Erscheinungsbild des Frontzahnbereiches doch erheblich gestört. In früherer Zeit wurde ein solcher Zustand meist belassen, weil die Maßnahmen zur Verbesserung dieser Situation  zu aufwändig  und  mit zu hohem Risoko verbunden waren. Heute können die Zähne ohne Beschleifen mit Komposit verbreitert werden  und die Lücken geschlossen werden. Im Vergleich zu  Veneers (=geklebte Keramikschalen) bleibt bei dieser Technik die natürliche Oberfläche des Zahnes vollständig erhalten.

Manche Menschen leiden unter „schwarzen Dreiecken“ einer speziellen Form der Lückenbildung im Frontzahnbereich. Woher stammen diese Fehlstellungen?

Schwarze Dreiecke entstehen nach Rückgang  des Zahnfleisches zwischen den Zähnen.  Dieser altersbedingte Rückgang kann durch Zahnfleischerkrankungen massiv beschleunigt werden. Auch wenn die Zähne hier direktem Kontakt stehen,  gibt  es dennoch einen Dunkelraum, weil  die Bereiche, die früher mit Zahnfleisch ausgefüllt waren, jetzt den freien Blick in die dunkle Mundhöhle  ermöglichen. Die Größe dieser so genannten schwarzen Dreiecke wird von der Zahnform bestimmt. Bei eher dreieckigen Zahnformen, die sich von der Schneidekante zum Zahnhals  hin stark verschmälern, sind diese schwarzen Dreiecke wesentlich größer und damit auch auffälliger aus als bei eher  quadratischen Zahnformen, die sich zum Zahnhals nur wenig verschmälern.

Helfen adhäsive – also angeklebte Komposite – auch hier?

Diese schwarzen Dreiecke lassen sich sehr gut mit Komposit verkleinern oder gar verschließen, was zu einer erheblichen Verbesserung des Aussehens führt. Mit Fug und Recht kann man hier sogar von einer optischen Verjüngung sprechen.

Für viele Patienten sind derartige minimal Eingriffe in der Zahnmedizin neu. Was muss bei der Behandlung beachtet werden?

Für die Patienten ist die Behandlung  mit keinen großen Unannehmlichkeiten verbunden. Sie kann in der Regel einer Sitzung abgeschlossen werden. 

Häufig wird Zahnersatz aus Komposit mit Kunststoff gleichgesetzt. Ist das korrekt?

Leider wird dieser Fehler immer noch gemacht. In den fünfziger und sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts wurde in geringem Umfang auch Füllungen aus Kunststoff gelegt.  Die Komposite in ihrer heutigen Form unterscheiden hinsichtlich Zusammensetzung und Eigenschaften ganz wesentlich von diesen  Füllungskunststoffen. Komposite  bestehen zu etwa 80 Gewichtsprozent aus fein gemahlenen Gläsern  und nur noch zu etwa 20 Prozent aus einer Kunststoffmatrix.

Bei Begriffen wie Kleber oder Komposit befürchten Patienten häufig allergische Reaktionen. Sind solche Überlegungen begründet?

Bedenkt man die Häufigkeit der Anwendung von Komposit und Klebern, sind allergische Reaktionen extrem selten. Hinsichtlich der Allergisierung besteht eher eine Gefahr für das zahnärztliche Team, wenn bestimmte Anteile des Klebers  häufig in direkten Hautkontakt kommen. Bei professioneller  Arbeitsweise  ist  ein direkter Hautkontakt aber in jedem Fall vermeidbar.

Noninvasive Eingriffe erfolgen häufig mit der Adhäsivtechnik – werden also „angeklebt“ – wie kann man sich so etwas vorstellen?

Die Zahnoberfläche wird durch kurzfristige Säureeinwirkung angeätzt.  Dadurch entsteht eine raue poröse Oberfläche.   In diese poröse Oberfläche dringt der zunächst noch flüssige Kleber ein. Beim Erhärten  verkrallt sich dieser in der porösen Oberfläche. Der Kunststoffanteil des Komposits verbindet sich nun chemisch mit dem an der Zahnoberfläche  physikalisch haftendem Kleber.  Für diesen adhäsiven Verbund muss die Zahnoberfläche trocken gehalten, was im feuchten Mundmilieu großer Anstrengungen bedarf. 

Und wie lange halten diese Arbeiten?

Diese Arbeiten können über viele Jahre ihre Funktion erfüllen. Korrekturen und Ergänzungen sind ohne großen Aufwand möglich.

Sie sprechen manchmal vom Begriff der optischen Täuschung – was ist darunter zu verstehen?

Wenn zum Beispiel ein Zahn für den Lückenschluss verbreitert wird und diese reale Verbreiterung  nicht wahrgenommen wird. Dafür gibt es bestimmte Tricks, die einfach aber verblüffend in ihrer Wirkung sind.

6.020 Zeichen, © proDente e.V. (Stand: Juli 2007)